DDR-Typischer wortshatz in literarischen

texten nach der wende

di Ulrike Ternowetz

NOTE

1. St. Heym: zitiert nach Johannes Volmert, "Auf der Suche nach einer neuen Rhetorik. Ansprachen auf den Massendemonstrationen Anfang November '89. Textanhang: Leipziger und Berliner Reden", in: Burkhardt A., Fritzsche K.P,(Hg.),(1992): Sprache im Umbruch. Politischer Sprachwandel im Zeichen von "Wende" und "Vereinigung", Berlin, New York: de Gruyter 1992, S.73

2. Chr. Wolf, (1994): Auf dem Weg nach Tabou, Texte 1990-1994, Köln 1994, S.11.

3. N. Karpferer, (1992): "'Von der Macht des Wortes' zur 'Sprache der Macht' zur Ohn-Macht der Vernunft. - Über die Enteignung der Sprache im real existierenden Sozialismus durch die marxistisch-leninstische Philosophie", in: Burkhardt A., Fritzsche P., (Hg.), (1992), S. 20.

4. Ibid., S. 20.

5. M. Hellmann, (1990): "DDR-Sprachgebrauch nach der Wende - eine erste Bestandsaufnahme", in: Muttersprache, Bd 100,1990, S. 269.

6. H.D. Schlosser, (1993): " Vom Reden und Schweigen in Ost und West. Sprachliche Folgen der unbewältigten deutschen Teilung". In: Wörter und Unwörter. Sinniges und Unsinniges der deutschen Gegenwartssprache; hrsg. v. Gesellschaft für deutsche Sprache, Falken Verlag, Niederhausen/Ts. 1993, S.146.

7. In den ersten Arbeiten zum deutsch-deutschen Sprachproblem in der BRD dominiert die politisch-propagandistische Ausrichtung; vgl. dazu K.W. Fricke, (1952): "Die Sprache des Vierten Reiches". In: Deutsche Rundschau, Jg. 78, H.12, 1952 und R. Gaudig, (1958/59): "Die deutsche Sprachspaltung". In: Neue deutsche Hefte. Jg. 5, 1958/59. Die ostdeutschen Veröffentlichungen sind durch einen aus heutiger Sicht zwar sprachpuristischen Akzent geprägt, ihr Charakteristikum ist aber die Sorge um die Einheit der Nation; vgl. dazu: V. Klemperer , (1953): "Unsere Sprache - ein einigendes Band der Nation: Purismus und Sprachreinheit". In: Die neue Schule. Jg. 8, 1953 , weiters (1955): "Verantwortung für die Sprache". In: Neue deutsche Literatur, Jg. 3, 1955; F. Weiskopf, (1955): " 'Ostdeutsch' und 'Westdeutsch' oder über die Gefahr der Sprachentfremdung". In: Neue deutsche Literatur, Jg.3, H.7,1953.

Im Jahr 1961 verfestigt der Bau der Berliner Mauer die Teilung Deutschlands. Der veränderte Status quo wirkt sich auch auf die sprachwissenschaftliche Forschung aus. Die westdeutsche Forschung lehnt die sprachlichen Veränderungen in der DDR ab, Sprachkritik wird zu Ideologiekritik. Die Sprachwissenschaftler in der DDR hingegen weisen den Vorwurf der Sprachspaltung zurück. Vgl. dazu H. Moser, (Hg.), ( 1964): Das Aueler Protokoll. Düsseldorf, 1964. Weiters L. Weisgerber, (1963): "Die deutsche Sprache im Kalten Krieg. Sprachliche Entfremdung zwischen Ost und West?". In: Deutsche Rundschau. Jg. 89, H.6., 1963 und J. Höppner, (1963): "Über die deutsche Sprache und die beiden deutschen Staaten". In: Weimarer Beiträge, Jg.9, 1963.

Die Arbeit von W. Dieckmann, (1967): "Kritische Bemerkungen zum sprachlichen Ost-West-Problem". In: Zeitschrift für deutsche Sprache, Jg.23, 1967 stellt einen Einschnitt in der westdeutschen Sprachforschung dar, vor allem weil Dieckmann Kritik übt an der Politisierung der Sprachwissenschaft und den Vorwurf methodischer Mängel erhebt. In der BRD beginnt man im Zuge der Großen Koalition (Ende 1966) und der 1969 neugebildeten sozialliberalen Koalition mit dem Abbau von Spannungen gegenüber Osteuropa und der Sowjetunion. In der DDR wird dies als Einmischungsversuch empfunden und es kommt zu einer Gegenbewegung: die DDR grenzt sich gegenüber der BRD ab, ja es kommt zu einer anti-gesamtdeutschen Propaganda seitens der SED. Die unterschiedliche Haltung zur Frage der Einheit der Nation hatte für die Linguistik nachhaltige Folgen. In der DDR setzt sich nun die Varianten-These durch. Vgl. dazu G. Lerchner, (1976): "Nationalsprachliche Varianten". In: Forum 3/76 . In der BRD hingegen werden die Gemeinsamkeiten verstärkt betont, die bestehenden Divergenzen werden auf Fachsprachen , d.h. auf bestimmte Textsorten reduziert. Die Diskussion um die Varianten-These wird in der BRD erst in den 80iger Jahren aufgenommen und zum Teil entscheidend zurückgewiesen. Vgl. dazu: G.D. Schmidt, (1983): "Die Varianten des Deutschen". In: Muttersprache, Jg. 93, 1983; H.D. Schlosser, (1981): "Die Verwechslung der deutschen Nationalsprache mit einer lexikalischen Teilmenge". In: Muttersprache. Jg.91, 1981; Th. Pelster, (1981): "Deutsch im geteilten Deutschland: 'Kommunikationsmittel', 'Muttersprache', oder Summe 'nationalsprachlicher Varianten'?". In: Muttersprache, Jg. 91, 1981. In der DDR erwacht in den 80iger Jahren ein erneutes Interesse an nationaler Gemeinsamkeit und in seinem Aufsatz "Die deutsche Sprache in der DDR. Grundsätzliche Überlegungen zur Sprachsituation" In: D. Nerius, (Hg.),(1983): Entwicklungstendenzen der deutschen Sprache seit dem 18. Jahrhundert, Berlin 1983 bringt W. Fleischer entscheidende Vorbehalte gegen die "Vier-Varianten-These" vor.

In der Folge kann man eine Annäherung der wissenschaftlichen Positionen in den beiden deutschen Staaten konstatieren, das Konzept einer plurizentristischen Sprachkultur wird in die Diskussion eingebracht. Vgl. dazu P. von Polenz, (1988): "'Binnendeutsch' oder plurizentristische Sprachkultur? Ein Plädoyer für Normalisierung in der Frage der 'nationalen' Varietäten". In: Zeitschrift für germanistische Linguistik, Jg.16,1988.

Weitere wichtige Arbeiten sind : W. Fleischer, (1987): Wortschatz der deutschen Sprache in der DDR. Fragen seines Aufbaus und seiner Verwendungsweise. Leipzig 1987 ; F. Debus / M. Hellman / H.D. Schlosser, (Hg.), (1986): Sprachliche Normen und Normierungsfolgen in der DDR. Hildesheim/Zürich/New York 1986; W. Dieckmann, (1989): "Die Untersuchung der deutsch-deutschen Sprachentwicklung als linguistisches Problem". In: Zeitschrift für germanistische Linguistik, Jg. 17, 1989 ; H.D Schlosser, (1990): Die deutsche Sprache in der DDR zwischen Stalinismus und Demokratie. Historische, politische und kommunikative Bedingungen, Köln 1990; W. Oschlies, (1989): Würgende und wirkende Wörter - Deutschsprechen in der DDR. Berlin 1989; D. Bauer, (1993): Das sprachliche Ost-West-Problem. Untersuchungen zur Sprache und Sprachwissenschaft seit 1945, Frankfurt/Main 1993.

8. Vgl. auch M. W. Hellmann, (1990).

9. S. Schroeter, (1994): Die Sprache der DDR im Spiegel ihrer Literatur. Studien zum DDR-typischen Wortschatz, Berlin, New York 1994, S.217f.

Vgl. dazu auch R. Rytlewsky, der feststellt, "daß die von den Kriegsalliierten 1945 festgelegte Demarkationslinie inzwischen auch zu einer mentalen und sozial-moralischen Grenze zwischen den Deutschen heranwuchs", in: Burkhardt/Fritzsche, (1992), S.3 und H.D.Schlosser, (1993),S.146 und S .149: "Jedoch bietet sich dem Betrachter alles in allem das Bild einer nach wie vor uneinigen Sprachgemeinschaft, die vielleicht erst in der übernächsten Generation die 'innere Einheit' auch im Sprachlichen erreichen wird..."

"Die deutsche Sprache hat sich in der alten Bundesrepublik unter den Bedingungen einer Konkurrenz- und Konsumgesellschaft viel deutlicher von einem gemeinsamen Ausgangspunkt - ob man ihn nun 1945 oder 1933 ansetzt - entfernt als in der DDR. Man denke nur an den Wortverschleiß , den die kommerzielle und die politische Werbung im Westen verursacht hat. Viele alte deutsche Wörter und Wendungen sind, wenn sie einmal in Werbeslogans "Karriere" machten, alltäglich nur noch mit ironischer Distanz zu gebrauchen. Wer im Westen assoziiert etwa bei bestimmten Begriffen aus der christlichen Religion wie "Gewissen", "Reue" und "Sünde" nicht unvermittelt Zusammenhänge mit Moden des Konsums (z.B. "Genuß ohne Reue", "gegen die Figur sündigen"...). Das durch Sprachverbrauch und sachkulturelle Modernisierung und Differenzierung im Westen geradezu explosionsartig vermehrte Vokabular war den Deutschen in der DDR meist nur passiv, durch Westfunk und -fernsehen bekannt".

10. Chr. Wolf, (1994), S.17.

11. Ibid., S.20 f.

12. E. Oksaar, (1992): Sprache und Gesellschaft, Dudenverlag, Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich, 1992, S.5.

13. Zitiert nach A. Neubert, (1977): Sprache als "praktisches Bewußein", Leipziger Universitätsreden, Neue Folge Heft 45, Leipzig 1977, S.6.

14. N. Elias, (1978): Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde. Frankfurt/M., 1978, 5.Auf., S VIII, II, S. 471.

15. A. Neubert, (1977), S. 8.

16. J.O. Hertzler (1965): A Sociology of Language. New York, 1965, S.6

17. W. Dieckmann (1969): Die Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache. Heidelberg 1969, S.30f.

18. Chr. Wolf, (1994), S.11.

19. Zitiert nach: Ch. Schüddekopf (Hg.), (1990): "Wir sind das Volk!". Flugschriften, Aufrufe und Texte einer deutschen Revolution; Reinbeck bei Hamburg 1990, S.207.

20. W. Oschlies (1990): "Wir sind das Volk". Zur Rolle der Sprache bei den Revolutionen in der DDR, Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien, Köln/Wien 1990.

21. R. Hopfer (1992): "Christa Wolfs Streit mit dem 'großen Bruder'. Politische Diskurse der DDR im Herbst 1989". In: Burkhardt A., Fritzsche K.P. (Hg.), (1992), S.112.

22. R. Rytlewsky (1992): "Politische Kultur in der DDR vor und nach der Wende". In: Burkhardt A., Fritzsche K.P. (Hg.), (1992), S. 7.

23. St. Heym, (1994): Filz. Gedanken über das neueste Deutschland, Frankfurt/Main 1994, S.46f. u. S.49.

24. Chr. Wolf, (1990): Im Dialog, Frankfurt/Main 1990, S.158 u.S.160.

25. P. von Polenz, (1993): "Sprachrevolte in der DDR". In: ZGL 21, (1993), H.2.

26. Ibid., S.139.

27. Ibid., S.138.

28. Vgl. dazu G. Drosdowski,(1991): "Deutsch - Sprache in einem geteilten Land. Beobachtungen zum Sprachgebrauch in Ost und West seit 1945". In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, (Darmstadt): Jahrbuch (1991), S.44/59; W. Oschlies, (1990): "Wir sind das Volk". Zur Rolle der Sprache bei den Revolutionen in der DDR, Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien. Köln/ Wien 1990; A. Domaschnew, (1991): "Ade, DDR-Deutsch! Zum Abschluß einer sprachlichen Entwicklung. In: Muttersprache 101,1991.

29. Vgl. dazu auch: Schlosser H.D. (1990): Die deutsche Sprache in der DDR zwischen Stalinismus und Demokratie. Historsche, politische und kommunikative Bedingungen. Köln 1990; M. Schröder, (1992): "Lexikographische Nachwende - Ein Überarbeitungsbericht. In: G. Lerchner (Hg.): Sprachgebrauch im Wandel. Anmerkungen zur Kommunikationskultur in der DDR vor und nach der Wende. Frankfurt/Main,1992 (Leipziger Arbeiten zur Sprach- und Kommunikationsgeschichte), Bd.1.

30. Vgl. H.D. Schlosser, (1990), S.138f.

31. S. Schroeter, (1994), S.3.

32. Ibid., S. 11 f.

33. A.I. Domaschnew, (1991), S. 9.

34. Chr. Wolf, (1994), S. 9.

35. H. Weinrich, Textgrammatik der deutschen Sprache, Dudenverlag, Mannheim 1993, S.917.

36. Ibid., S.926.

37. Ibid., S. 926.

38. S. Schroeter, (1994), S. 32.

39. Ibid., S.38.

40. Ibid., S.81.

41. Ibid., S.93.

42. Ibid., S. 102.

43. Ibid., S. 33.

44. H. Weinrich, (1993), S. 924.

45. S.Schroeter, (1994), S. 36.

46. Ibid., S. 12.

47. Vgl. dazu beiliegendes Wortverzeichnis.

48. H. Weinrich, (1993), S.927.

49. Es wird damit die von 1945 bis 1949 durchgeführte Enteignung und Umverteilung des gesamten Großgrundbesitzes über 100 ha bezeichnet.

50. S. Schroeter, (1994), S. 81.

51. Ibid., S.54.

52. Ibid., S.108.

53. Ibid., S.57.

54. Ibid., S.36.

55. Ibid., S.110.

56. Ibid., S. 110.

57. Vgl. beiliegendes Wortverzeichnis.

58. Vgl. S. Schroeter, (1994), S.54.

59. M. Kinne, B. Strube-Edelmann, (1980): Kleines Wörterbuch des DDR-Wortschatzes, Düsseldorf 1980.

60. M. Ahrends, (1986): Trabbi, Telespargel und Tränenpavillon. Das Wörterbuch der DDR-Sprache, München 1986, S.107.

61. Ibid., S.108.

62. Der Roman Radek von Stefan Heym legt ein eindringliches Zeugnis davon ab.

63. S. Schroeter, (1994), S.121.

64. Ibid., S.59.

65. M. Ahrends, (1986), S.170.

66. H.D. Schlosser, (1990), S. 60.

67. Ibid.

68. Unter 1. findet sich auch die Definition "Bevölkerung eines Landes", die zitierte Definition findet sich unter 2.

69. M. Ahrends, (1986), S. 190.

70. Ibid.

71. St. Heym, (1994), S. 44.

72. H.D. Schlosser, (1993), S.144.

73. Schlosser selbst verweist in seinem Buch Die deutsche Sprache in der DDR zwischen Stalinismus und Demokratie auf Seite 132f. auf die geringfügigen Unterschiede in der Sprache der Literatur hin und bezeichnet diese als das einende Band.

74. Vgl. in der Tabelle z.B. Brigade, Kader, Kollektiv u.a.

 

 


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