DDR-Typischer wortschatz in literarischen texten nach der wende

di Ulrike Ternowetz

 

Im Spätherbst des Jahres 1989 waren nach Jahrzehnten des erzwungenen Schweigens in der DDR-Öffentlichkeit erstmals wieder Stimmen der Opposition zu Wort gekommen. Im Rahmen dieser friedlichen Revolution redete man viel von "Sprachbefreiung", von "Überwindung der Sprachlosigkeit" und "Rückgewinnung unseres Artikulationsvermögens". Als Beispiele dafür seien nur einige Ausschnitte aus den Reden von Stefan Heym und von Christa Wolf am 4. Nov. 1989 am Alexanderplatz zitiert:

 

Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden... (Z. 19f.)

Aber sprechen, frei sprechen...(Z.23)1

Was bisher so schwer auszusprechen war,geht uns auf einmal frei über die Lippen...

Ja, die Sprache springt aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter 2.

 

Die politische Wende hatte tatsächlich in der ehemaligen DDR einen deutlich wahrnehmbaren Sprachwandel ausgelöst, der vor allem im politischen Sprachgebrauch auszumachen war. Die Aufhebung der Zensur entzog der im Honecker-Staat vielfach geübten Kunst, mit viel Worten nichts zu sagen (Heym 1977), die Bedeutung. Und dennoch erinnere nach Norbert Karpferer "der Sprachduktus so mancher ehemaliger DDR-Bürger auch noch nach einem Jahr an eingeübte Sprachrituale wie an das 'Kaderwelsch'" 3. Karpferer führt dies zurück auf die vierzigjährige Überwachung und Reglementierung bzw. auf die "permanente Einübung von Sprachmustern- und Schablonen durch Sozialisationsinstanzen wie staatliche Kindergärten, Schulen, Jung-Pioniere und FDJ-Organisationen, Betriebsschulungen, Fort- und Weiterbildungen, Nationale Volksarmee und Volkspolizei bis hin zu den universitären Kaderschmieden (...) einschließlich einer Dauerberieselung durch die Massenmedien" 4.

Manfred Hellmann warnt in einem Aufsatz aus dem Jahr 1990 davor, "jemanden, der DDR-spezifische Wörter und Wendungen gebraucht, für einen Anhänger des Systems, für einen Mitläufer, Funktionär oder überhaupt für etwas Besonderes zu halten". "Wer jetzt Wörter, Wendungen oder Stilmittel aus der Zeit vor der Wende gebraucht", heißt es außerdem, "tut es nicht mehr, weil er muß, sondern weil ihm in Jahrzehnten der Schnabel eben so gewachsen ist. Sprachliche Eigentümlichkeiten der DDR, wo immer sie auftauchen, können nicht mehr auf ein Oktroy zurückgeführt werden, sie müssen davon unabhängige, eigenständige Wurzeln im Sprachgebrauch haben, über deren Lebensfähigkeit allerdings erst die Zukunft entscheiden wird"5.

Und Horst Dieter Schlosser rät in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1993 davon ab, eine allzu rasche Bilanz zu ziehen, wenn er schreibt: "Damit wären wir bei einem Thema, das für die Beurteilung der kommunikativen Situation in Ost und West entscheidende Bedeutung hat: die jahrzehntelang unterschiedliche politische und soziale Verfaßtheit der beiden Kommunikationsgemeinschaften: hier Föderalismus, marktwirtschaftlicher Wettbewerb und individuelles Gewinnstreben - dort Zentralismus, Zentralplanwirtschaft und 'sozialistischer Wettbewerb' ohne nennenswerte persönliche Vorteile. Das prägt Fühlen, Denken und Sprechen. Insofern gab es Ende 1989 wohl auf beiden Seiten der endlich geöffneten Grenzen einige Illusionen über die Kurzlebigkeit der 'Mauer in den Köpfen', die genauso schnell verschwinden sollte wie dic Grenzbefestigungen quer durch Berlin und Deutschland"6.

Im deutschen Sprachraum ist die Frage nach Sprache als einheitsstiftendes Band aufgrund der politischen und kulturellen Geschichte von besonderer Bedeutung. Nach dem 2. Weltkrieg und der Spaltung Deutschlands in Ost und West als dessen Resultat machte sich bald die Angst vor der Sprachtrennung als Ausdruck der politischen Trennung bemerkbar und man begann in der BRD, schon bald auf den sich in der DDR abzeichnenden Sprachwandel aufmerksam zu werden. Das Thema "Ostdeutsch - Westdeutsch" beschäftigte über den ganzen Zeitraum der Spaltung hinweg die Sprachwissenschaft. Die Forschung in den beiden Teilen Deutschlands machte aber vorwiegend die Sprache der Politik zum Gegenstand ihrer Untersuchungen7.

Gegenstand dieser Untersuchung soll hingegen die Sprache der Literatur bzw. der Schriftsteller in ihren Werken und Äußerungen zur und nach der Wende sein.

Sabine Schröter hat in einer Studie zum Sprachgebrauch in der Literatur der DDR vor 1989 darauf hingewiesen, daß es 2 verschiedene Sprachebenen gibt: die Sprache der SED und die private Sprache. Beide Ebenen wurden von ihr beobachtet und analysiert. Sie kommt zu folgendem Ergebnis: Die vierzigjährige getrennte Geschichte der beiden deutschen Staaten wird aufgrund ihrer verschiedenen politisch-ökonomischen und psychosozialen Ausprägungen noch lange auch im Bereich der Sprache nachwirken. Obwohl der offizielle politische Wortschatz weitgehendst schon in den ersten Monaten nach dem Sturz des Regimes verschwunden ist8, ist aber die sprachliche Einheit der Deutschen noch lange nicht wiederhergestellt. Die anhaltenden sprachlichen Differenzierungen sind der Ausdruck der geistigen und psychischen Trennung der beiden Staaten, die zu gegenseitiger Entfremdung geführt hat. "Wenn es je eine Gefährdung der Einheit der deutschen Sprache gab, dann hatte sie ihre Ursache nicht im Parteijargon der SED, sondern in dieser gegenseitigen Entfremdung, wobei die Kommunikationsgemeinschaft der Bundesrepublik durch ihre Unkenntnis und ihr Desinteresse am anderen deutschen Staat entscheidend zu dieser Entwicklung beitrug"9. Weiterhin wird das Ende der DDR- Literatur festgestellt und die Frage aufgeworfen, ob, wann und in "welcher" Sprache Autoren aus der ehemaligen DDR wieder das Wort ergreifen werden, angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen und kulturellen Umbruchssituation, die wenig produktiv für Literatur zu sein scheint.

Dieser gegenseitigen Entfremdung gibt auch Christa Wolf Ausdruck, wenn sie sagt:

 

...,daß dieser Prozeß einer Entfremdung sich unter der Oberfläche massenhafter, äußerer, äußerlicher Annäherung, ja Verbrüderung wider allen Augenschein sogar noch ausbreitet;...10.

 

und zum Problem der Aufgabe der Literatur im neuen Staat heißt es:

Aber was ist inzwischen mit der Kunst? Der Posten ist vakant. Diese Entlassung aus einer Dauer-Überforderung erleichtert,aber ich beobachte auch Irritationen... Klage und Selbstmitleid halte ich für verfehlt, angebracht finde ich die Frage, ob wir nun etwa aus der Verantwortung entlassen sind oder wofür wir in Zukunft gebraucht werden - wenn auch sicherlich stärker marginalisiert als bisher.

Und sie gibt wenige Zeilen weiter unten die Antwort auf die Fragestellung:

Kurz: Die Literatur wird leisten müssen, was sie immer und überall leisten muß, wird blinde Flecken in unserer Vergangenheit erkunden müssen und die Menschen in den neuen Verhältnissen begleiten11.

Von der Arbeit der Schroeter ausgehend, die einen DDR-typischen Wortschatz in den Werken einer Reihe von Autoren der ehemaligen DDR bis zum Jahr 1989 aufzeigt, soll nun untersucht werden, ob und wieweit der seit der Wende registrierte Sprachwandel, der ja vor allem im politischen Sprachgebrauch auffällig ist, sich auch im Wortschatz der Literatur feststellen läßt. Es soll allerdings keine vergleichende Sprachuntersuchung vorgenommmen werden, Gegenstand der Untersuchung ist der Teil des Wortschatzes der deutschen Sprache, der typisch für die Länder der ehemaligen DDR war und den Schroeter in ihrer Arbeit in den von ihr untersuchten Werken für die Zeit der Teilung bis 1989 ausmachen konnte.

 

Sprache und Gesellschaft

Seit der Antike sind die verschiedensten Theorien über Sprache formuliert worden. Sprache wurde zum Beispiel als Werkzeug, aber auch als Schlüssel zum Verständnis der Welt angesehen12. Marx und Engels stellen in ihrer Schrift "Die deutsche Ideologie" bei der Erforschung des Zusammenhanges der sozialen Tätigkeit des Menschen und ihren geistigen Resultaten fest: "Der Geist hat von vornherein den Fluch an sich, mit der Materie 'behaftet' zu sein, die hier in Form von bewegten Luftschichten, Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein - die Sprache ist das praktische, auch für andere Menschen existierende wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit anderen Menschen"13. Das bedeutet,daß niemals die gesellschaftliche Determination kommunikativer Prozesse außer Betracht gelassen werden kann.

Der Soziologe Norbert Elias bezieht die Begriffe "Individuum" und "Gesellschaft" auf zwar verschiedene, aber untrennbare Aspekte der Menschen, wenn er sagt: "Das gesellschaftliche Gewebe der Menschen bildet das Substrat, aus dem heraus, in das hinein, der einzelne ständig seine individuellen Zwecke spinnt"14. Dem muß noch die Sprache hinzugefügt werden: Mensch, Sprache und Gesellschaft bilden eine Einheit und die "Gesamtheit der sprachlichen Mittel, ihre Form und Substanz ebenso wie der 'Mechanismus' ihres Funktionierens, sind das Resultat des gesellschaftlichen Zusammenwirkens der Menschen, kurz: sind ein historisches Produkt"15. Neubert führt dann weiter aus: "In der Sprache verwirklicht der Mensch seine Gesellschaftlichkeit. Durch sie hat er teil an dem historischen Fundus von Gedanken und Vorstellungen, und zwar im rezeptiven wie im aktiven Sinn, d.h. er nimmt und gibt. Er übernimmt Sprache und bereichert sie selbständig. Der sprachliche Verkehr gehört damit zu den fundamentalen sozialen Tätigkeiten des Menschen." (S.9) Und in Anlehnung an Marx und Engels behauptet er: "In der Sprache, mittels Sprache wird dem Individuum seine Existenz bewußt. Sie entspricht seinem Bewußtsein" (S. 10).

In diesem Sinne spricht auch J.O. Hertzler von der sozialen Funktion der Sprache, die sowohl " both cause and effect of social situations and actions" sein kann16. Walther Dieckmann führt in seinem Buch Die Sprache in der Politik aus: "Die Wörter einer Sprache machen durch Benennung die außerlinguistische Realität verfügbar und zusammen mit dem grammatischen System Umweltdaten kommunizierbar. Zugleich interpretiert die Sprache die Wirklichkeit in eigentümlicher Weise und prägt - in einem umstrittenen Ausmaß - die intellektuelle Wirklichkeitserfahrung. Schließlich ist die Sprache auch noch Träger der gesellschaftlichen Normen und sagt über die Gefühle und Wertvorstellungen, die an die Wörter gebunden sind, welche Wörter etwas Gutes oder Böses, Schönes oder Häßliches, Angenehmes oder Unangenehmes bezeichnen, und wie man sich dem Bezeichneten gegenüber verhält. Der Mensch lernt also nicht nur die begrifflichen Bedeutungen eines Wortes, sondern zugleich, wie das Bezeichnete zu beurteilen ist"17. Dem hält Neubert entgegen: " Bürgerliche Konzepte von einer sprachlichen Zwischenwelt (Weisgerber) oder einem sogenannten linguistischen Relativitätsprinzip (Sapir-Whorf), wonach die jeweilige semantische Kodifizierung die 'Weltsicht' der Zugehörigen einer Sprachgemeinschaft vorpräge, haben sich längst als das entpuppt, was sie sind, nämlich linguistische Analoga zu objektiv idealistischen Systemen mit dem Zusatz, einzelwissenschaftiche Begründungen für philosophische Spekulationen zu liefern" (S.11). Er geht dann aber in seinen Überlegungen weiter und sagt: "Veränderungen im Denken, das Aufkeimen neuer Ideen als Widerspiegelung revolutionärer Prozesse ebenso wie die allmähliche Verlagerung und Akzentverschiebung bestimmter Sichtweisen der Realität, kurz: der vielgestaltige historische Denkprozeß findet seine ebenso vielschichtige und keinesfalls einsträngige 1:1-Entsprechung in der Sprache, speziell in den sprachlichen Bedeutungen... Die Klassengesellschaft, ihre im Widerstreit stehenden Ideologien, die 'beiden Kulturen' (Lenin) finden ihren Niederschlag selbstverständlich auch im 'praktischen Bewußtsein' der sprachlichen Zeichen...Gerade Umbruchszeiten in der Geschichte sind durch das Aufreißen der eklatanten Widersprüche zwischen den 'großen Worten' der reaktionären herrschenden Klasse und der neuen Wirklichkeit der Lebensbedingungen der Volksmassen gekennzeichnet." (S.12f.).

In der Tat beginnt Christa Wolf ihre Rede am Alexanderplatz am 4. November 1989 mit den Worten.: "Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache"18 und Stefan Heym sagt:

Es ist,als habe einer die Fenster aufgestoßen, nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen,wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit - welche Wandlung!19.

Wolf Oschlies stellt 1990 fest, daß nach verbreiteter Meinung der Kommentatoren in Ost und West die Revolutionen in den Oststaaten und der DDR "durch die Sprache vorbereitet, ausgelöst, umgesetzt und fortgeführt"20 wurden. "An der sich von Woche zu Woche verändernden Sprache konnte auch der Letzte erkennen, daß die politischen Verhältnisse selbst im Umbruch waren" heißt es bei Reinhold Hopfer, der die Ansprache von Christa Wolf einer ausführlichen Interpretation unterzieht21.

Die politische Kultur

Was nun die politische Kultur anbetrifft unterscheidet Ralf Rytlewsky in seinem Beitrag, den er bei der Tagung "Sprache im Umbruch. Sprachwandel in der DDR" im Dezember 1990 in Braunschweig vorlegte, zwischen 3 verschiedenen politischen Kulturen in der DDR noch vor der Wende: der offiziellen politischen Kultur, ihrer traditionellen Variante und den Ansätzen zu einer alternativen politischen Kultur. Offizielle und traditionelle politische Kultur hätten sich aufgrund ihrer gemeinsamen Abkunft aus den Erfahrungen Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrfach überschnitten. Auch die Führungsgruppen der SED bis zu Erich Honecker hätten ihr Gesellschafts- und Sozialismusmodell zum Teil sehr konkret aus den Vorstellungen der deutschen Arbeiterbewegung in der Zwischenkriegszeit übernommen. Erst in den 70er Jahren habe es die ersten gesellschaftskritisch ausgerichteten Anstöße zu einer alternativen politischen Kultur gegeben: Jugendliche in Umweltgruppen und in der autonomen Friedensbewegung innerhalb der evangelischen Kirche protestierten gegen den Vernunftglauben, gegen die Militarisierung, die politische Disziplinierung der Gesellschaft und die Umweltzerstörung durch massive Industrialisierung. Im Konflikt zwischen Beharrung und Weiterentwicklung ging es den Protestierenden um eine Öffnung und Demokratisierung des Sozialismus, sie suchten die Öffentlichkeit und sie bildeten in den 80er Jahren "eine Konfliktkultur des öffentlichen Debattierens, Streitens und Demonstrierens aus, mit der sie sich sowohl gegen die systemfügsame politische Anpassungskultur der herrschenden Aufbaugeneration als auch gegen die Rückzüge in politische Passivität, Nörgelei und kompensatorischen Konsum wandten"22.

Die 3 politischen Strömungen seien schwer voneinander zu unterscheiden gewesen, da die politsche Führung bis zum Herbst 1989 jede seriöse politische Kulturforschung verhindert habe. Erste Untersuchungen hätten ermöglicht, zwei längerfristige Entwicklungen herauszuarbeiten, wobei die eine zur sozialen Uniformität und die andere zur gesellschaftlichen Pluralität geführt habe. Die Pluralisierung habe in den 80er Jahren den Gesamtzusammenhang der gesellschaftlichen Reproduktion erfaßt, sei jedoch nur unbedeutend in das politische System eingedrungen.

Rytlewsky stellt dann weiter fest, daß mit der Volkskammerwahl vom 18.3.1990 der "Schwebezustand der DDR" beendet war und die Hoffung der Revolutionäre auf eine DDR als "Experimentierfeld des Neuen" verschwunden sei. Nach der Wahl habe man sich individuell und kollektiv auf die Kosten der Vereinigung einstellen müssen, die aber bei den ehemaligen DDR- Bürgern sich nicht materiell ausgewirkt habe, sondern an diese vor allem hohe psychische und moralische Anforderungen gestellt habe.

Belege für diese Behauptung lassen sich leicht aufstellen anhand von Äußerungen von Autoren wie Stefan Heym, Christa Wolf u.a.

So schreibt Stefan Heym:

...Wenn das alles nur Westler sind, eingeflogen in den Osten, um hier tabula rasa zu machen, so ist das schlimm genug, denn sie kennen die Menschen hier nicht und richten schon deshalb eine Menge Unheil an, selbst in bester Absicht.

oder

...und nun sitzen wir da, das Ostvolk mit seiner Arbeitslosigkeit und seinen zerbrochenen Hoffnungen und das Westvolk mit seiner unerwarteten Bürde, und allesamt fassungslos angesichts dieser Zustände23.

Und Christa Wolf drückt die nun nach dem Abklingen der Euphorie aufkommenden Zweifel folgendermaßen aus:

Die ungeheure Wucht unserer Erfahrungen in den letzten vier Monaten droht uns nun zu trennen von wie immer wohlmeinenden Betrachtern außerhalb unserer Grenzen, auch im anderen deutschen Staat...Aber es könnte sein, daß dieser Prozeß der Entfremdung sich unter der Oberfläche massenhafter, äußerer, äußerlicher Annäherung, ja Verbrüderung wider allen Augenschein sogar noch ausbreitet...

und

Viele sind desorientiert und versinken in Depression, andere flüchten sich aus nur zu verständlicher Wut, Enttäuschung, Angst, Demütigung, aus uneingestandener Scham und Selbstverachtung in Haß- und Racheausbrüche24.

 

Die sprachliche Vereinahmung

Die Vereinnahmung der DDR erfolgte nicht nur in der Politik sondern auch auf dem Gebiet der Sprache. Die DDR- "Sprachrevolte"25 war nur von kurzer Dauer. Schon in der Wahlkampfzeit bis zum März 1990 wurde unter einem starken sprachlichen Anpassungsdruck aus dem Westen der politische Wortschatz aus der alten BRD übernommen. "Nach der vorübergehenden Phase spontaner, sprachkreativer Befreiung von hochgradig ideologisierter, institutionalisierter und ritualisierter Sprache gerieten die neuen Bundesbürger also in die beispiellose sprachpolitische Situation, sich sehr rasch ein bisher nur oberflächlich rezipiertes oder imitiertes System öffentlicher Kommunikation total aneignen zu müssen, ohne in diesen Prozeß viel Eigenes einbringen zu können"26. Die Annahme einiger Sprachwissenschaftler, daß etwas vom ehemaligen DDR-Sprachgebrauch oder von der "Sprachrevolte" übrigbleibe und in den alten Bundesländern übernommen werde, ist noch zu untersuchen. Polenz stimmt mit Fleischer darin überein, daß viele "der als Anwärter für einen bleibenden Ost-West-Transfer genannten Ausdrücke (werden ) wahrscheinlich nur als Exotismen oder Archaismen im gesamtdeutschen Gebrauch bleiben" werden "..., auch weil sie in literarischen Texten vorkommen werden"27. Polenz stellt weiter fest, daß es ganz den Anschein hat, als würde Bundesdeutsch als Gesamtdeutsch aufgefaßt werden.

Die Folgenlosigkeit der "Sprachrevolte" ist auch als eine neue Identitätskrise der Ostdeutschen interpretiert worden, die teilweise mit Ratlosigkeit auf die Verständnisschwierigkeiten reagierten. (vgl. dazu den oftgehörten Satz: "Es ist nicht alles schlecht gewesen in der DDR"). Einige Sprachwissenschaftler haben im Zuge der Begeisterung für die Vereinigung festgestellt, daß die Sprache doch ein "einigendes Band" dargestellt habe und daß die konstatierten Sprachunterschiede nur gerinfügig seien28.

Diese Meinung ist aber in der Minderzahl, in der Mehrzahl der Arbeiten zum Thema wird auf die Wahrscheinlichkeit aufmerksam gemacht, daß es noch jahrelang zu Verständnisschwierigkeiten zwischen Ost und West kommen wird, wobei die lexikalischen Unterschiede (die Gesamtzahl der DDR-typischen Neologismen wurde vor der "Wende" zwischen 800 und 2500 angegeben) nur einen Teilaspekt darstellen. So sagt Polenz: "Es muß noch langfristig - und nicht für Zwecke westlicher Werbepsychologen - mit kommunikativ relevanten Mentalitätsunterschieden gerechnet werden" (S.144)29.

Die vorliegende Arbeit will nun untersuchen, wie weit diese Behauptung Geltung hat, vor allem was den lexikalischen Bereich anbetrifft. Sabine Schroeter hat in ihrer Arbeit eine Reihe von DDR-typischen Wörtern auch in der Literatur ausgemacht, deren Weiterbestand, durch die "Wende" und die Vereinigung gefährdet ist. Doch ist die Sprache der Literatur der Bereich, der von Veränderungen am wenigsten betroffen wurde30 und daher wäre im Rückschluß anzunehmen, daß die oben behauptete Wahrscheinlichkeit besteht, daß Unterschiede sprachlicher, aber auch stilistischer Art weiterhin erhalten bleiben. Daß eine Untersuchung des DDR-typischen Wortschatzes nur einen Teilbereich des Spezifischen in den literarischen Texten darstellt und die "Mentalitätsunterschiede" nicht mit den Mitteln einer lexikologischen Statistik dargestellt werden können, ergibt sich von selbst. Eine Analyse des Wortschatzes kann allenfalls eine Unterstützung bei der Erforschung der verschiedenen Aspekte von DDR-Spezifischem leisten.

 

DDR-Typika

Sabine Schroeter untersucht in ihrer Arbeit 35 Romane von Autoren der ehemaligen DDR bis zum Jahr 1989 auf "DDR-typisches "Wortmaterial: "Unter 'DDR-typischem Wortschatz' sind zu verstehen Wörter, Syntagmen und Redewendungen, die entweder nur in der DDR gebräuchlich waren bzw. in den neuen Bundesländern noch gebräuchlich sind oder aber in bezug auf ihre Häufigkeit, Allgemeingültigkeit oder syntaktisch-semantische Umgebung für den Sprachgebrauch in der DDR typisch waren"(31). DDR-typisch kann ein Lexem oder Syntagma in verschiedener Hinsicht sein, führt Schroeter weiter aus. Am leichtesten als solches erkennbar, sind die lexikalischen Einheiten, die nur in der DDR in Gebrauch waren, wie z.B. Broiler oder Plaste. Besonders häufig sind Mehrfach-Komposita, die erst durch die Komposition von bestimmten, jeweils im deutschen Sprachsystem vorhandenen Lexemen zu DDR-Typika werden. Außerdem sind oft nicht die Wörter an sich DDR-typisch, sondern sie werden es erst durch ihre Kollokation und die außersprachlichen Referenzbezüge. Letztlich wird die Sememstruktur mancher Lexeme durch ideologische Begriffsfestlegungen seitens der SED auf eine ganz bestimmte Bedeutung festgelegt, die nur im Kommunikationsbereich der DDR in dieser Form Gültigkeit hat.

"'DDR-typischer Wortschatz' kann auch heißen: traditioneller deutscher Wortschatz, der in der Bundesrepublik durch innovative Wortbildungen verdrängt worden ist...32

Bezüglich der Differenzierungsvorgänge im Deutschen der beiden deutschen Staaten schreibt A. Domaschnew: "Nach einer Untersuchung des Mannheimer Instituts für deutsche Sprache, bei der mehr als 2,2 Millionen deutsche Wörter von Computern erfaßt wurden, stellte sich heraus, daß Anfang 1980 bereits über 24000 Wörter in der DDR anders als in der Bundesrepublik Deutschland benutzt werden"33.

Schroeter analisiert das gewonnene Wortmaterial nach verschiedenen thematischen Gesichtspunkten: es werden die Wortarten und Wortbildungsprinzipien der DDR-typischen Lexeme untersucht, die DDR-typischen Paläologismen und Entlehnungen beschrieben und die (Nicht- ) Movierung weiblicher Personen-und Berufsbezeichnungen analysiert. Weiters wird eine ideologiekritische Analyse des DDR-typischen Wortschatzes vorgenommen.

Das folgende Wortmaterial wurde den untersuchten Texten entnommen, es handelt sich dabei um eine Auswahl und es wird daher nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, sondern es sind die Wörter angeführt, die auch bei Sabine Schroeter aufgelistet sind und unter verschiedenen Aspekten analysiert wurden, Aspekte, die auch auf das hier erarbeitete Wortmaterial zutreffen.

 

Textkorpus:

Die ausgewählten Texte geben Einblick in die Geschehnisse in Deutschland nach der Wende, wie auch in die Lebensbedingungen in der ehemaligen DDR anhand von Erinnerungen an die zurückliegenden Jahre und bieten Wortmaterial für die linguistische Untersuchung. Bei der Auswahl der Texte wurde von der Frage ausgegangen, welche Erfahrungen die Wende für die Menschen aus der DDR mit sich gebracht hatte, und ob diese im linguistischen Bereich (auch über den politischen Sprachgebrauch hinaus) ermittelt werden können. Die Autoren nehmen darin Stellung zu den sich überstürzenden gesellschaftlichen Veränderungen, zu den Hoffnungen und Enttäuschungen, die den langen Marsch zum neuen Deutschland begleiten und erzählen auch von den zum Teil bitteren Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Stefan Heym beschreibt in dem Band Auf Sand gebaut die gegenwärtigen Zustände in Deutschland. Ohne Illusionen berichtet er in Form von Geschichten, die in der Tradition der amerikanischen Short Story stehen, über die sich im Umbruch befindende Gesellschaft der ehemaligen DDR. In Filz zeichnet er die neuesten Entwicklungen nach und untersucht "jenes Mischgewebe aus neuem und altem Filz, das sich über das Land breitet". Christa Wolf legt im Band Im Dialog Texte vor, in denen sie zur Wende und deren Folgen Stellung genommen hat. Die vielumstrittene Erzählung Was bleibt, die 1979 entstanden ist, aber erst 1990 von der Autorin in überarbeiteter Fassung veröffentlicht wurde, setzt sich mit den Lebensbedingungen einer Schriftstellerin in der DDR auseinander. In Der lange Weg nach Tabou handelt es sich um "Stücke, Bruchstücke also, die miteinander korrespondieren, einander fragen, auch in Frage stellen" aus der Zeit von 1990 bis 1994, um Beobachtungen und Notizen:

Eine Art Mit-Schrift wäre mein Schreibideal: Ein Griffel folgte möglichst genau der Lebensspur, die Hand, die ihn führte, wäre meine Hand und auch nicht meine Hand, viele und vieles schriebe mit, das Subjektivste und das Objektivste verschränkten sich unauflösbar, "wie im Leben"...Die Instrumente, mit denen die Zeit gegen uns vorgeht, sind scharf,

unvergleichbar dem Schreibwerkzeug, mit dem man sich wehren, behaupten kann34.

 

Monika Maron nimmt in ihren Texten nicht nur Stellung zur Einheit, sondern auch zu Fragen und Problemen unserer Tage. Erich Loest zieht eine Bilanz über sein Schriftstellerleben und berichtet von seinen schwierigen Beziehungen zu den Institutionen in der DDR, die 1981 zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik geführt hatten.

 

Stefan Heym: Auf Sand gebaut. Sieben Geschichten aus der unmittelbaren Vergangenheit 1993

Filz. Gedanken über das neueste Deutschland. 1994

Erich Loest: Der Zorn des Schafes. Aus meinem Tagewerk. 1990

Monika Maron: Nach Maßgabe meiner Begreifungskraft.1995

Christa Wolf: Im Dialog. Aktuelle Texte. 1990

Was bleibt. 1990

Auf dem Weg nach Tabou. Texte 1990-1994. 1994

 

Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF):

Es handelt sich hierbei um eine mehrgliedrige Wortbildungskonstruktion. "Die Wortbildung spielt im Bereich des Nomens eine besonders wichtige Rolle. Denn der nominale Wortschatz der deutschen Sprache besteht zu mehr als der Hälfte aus komplexen, d.h. mehr als einem Sprachzeichen umfassenden Wörtern"35. "Das Wortbildungsverfahren der Komposition kann bei Nomina auch mehrfach angewendet sein. Dadurch entstehen Mehrfach-Komposita"36. Daraus ergibt sich, daß diese Form der Wortbildung keine Eigenheit des DDR-Sprachgebrauches ist, sondern "solche mehrgliedrigen Bildungen finden sich besonders in der Fachsprache des Rechts und der Verwaltung, wo das Wortbildungsverfahren der Komposition zum Aufbau von Nomenklaturen genutzt wird. Mehrfachkomposita sind hier ein relativ einfaches Mittel, eine notwendige terminologische Prägung mit der höchstmöglichen Durchsichtigkeit der Form zu vereinbaren"37.

Die Durchsichtigkeit wird aber unter anderem von soziologischen Faktoren beeinflußt: vom Sachwissen von Sender und Empfänger z.B. oder von Konnotation und Erfahrungen, die im Wort zum Ausdruck kommen. "Der soziologische Aspekt der Motivation von Wortbildungskonstruktionen ist bei der sprachlichen Annäherung von Ost und West von großer Bedeutung. Die unterschiedlichen Erfahrungen, die der oder die einzelne gemacht hat, führen zu Verständnis - und Verständigungsschwierigkeiten, die oft nur durch Klärung des außersprachlichen Hintergrunds ausgeräumt werden können, obwohl die lexikalische Bedeutung einer Wortzusammensetzung aus der Wortbildungsbedeutung ersichtlich sein kann"38. Dies trifft auch beim Lexem Arbeiter-und-Bauern-Fakultät zu, das eben erst im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Hintergrund verständlich wird.

Schroeter ordnet Arbeiter-und-Bauern-Fakultät unter die Reihenwörter ein: Die untersuchten DDR-typischen Reihenwörter benennen meist für das Gemeinwesen wesentliche gesellschaftspolitische Institutionen und Gruppierungen. "Manchmal ist ein Lehnwort Basis einer Gruppe reihenbildender Komposita. Es handelt sich dabei um einen Begriff, der eine in allen sozialistischen Ländern relevante Institution bezeichnet, z.B. ABF, russ. rabocij fakul'tet,..."39.

Weiterhin wird Arbeiter-und-Bauern-Fakultät zu den DDR-typischen Paläologismen gezählt. Damit sind solche Lexeme gemeint, die "Gegenstände und Sachverhalte aus den ersten Jahren des Bestehens der DDR benennen und schon ab Mitte der 60er Jahre die Markierung 'historisch' erhielten. Es handelt sich dabei sowohl um Lexeme, die nach 1945 in der SBZ/DDR neu gebildet wurden, vielfach als Lehnwort oder Lehnübersetzung aus dem Russischen, z.B Traktorist, Maschinen-Ausleihstation, Arbeiter- und- Bauern-Fakultät..."40.

Die ABF war eine Bildungseinrichtung, die von 1949 bis Anfang der 60er Jahre bestand. Mit der Entwicklung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems wurden die ABFs schrittweise reduziert und es blieben nur noch die traditionsreiche ABF an der Bergakademie Freiberg und eine an der Universität Halle erhalten. "Trotz des Weiterbestehens dieser beiden Fakultäten waren Denotat und Bedeutung des Lexems Arbeiter-und-Bauern-Fakultät ab Mitte der 60er Jahre veraltet, das Wort kann daher zu den Paläologismen gezählt werden"41.

Arbeiter-und-Bauern-Fakultät ist außerdem eine Lehnübersetzung, wobei es sich um keine exakte Übersetzung handelt, sondern um eine erweiterte Wortbildung (Erweiterung: -Bauern). "Es gab in der DDR viele Zusammensetzungen mit Arbeiter-und-Bauern (Macht, Staat etc.); diese Determinativkomposita wirkten sich wohl analogiebildend auf die Bezeichnung für die neu geschaffene Studienrichtung aus"42.

 

Arbeiter-und-Bauern-Staat:

"Zu den mehrgliedrigen Wortbildungskonstruktionen gehören auch die Komposita mit Durchkoppelungsbindestrich, eine Sonderform des Determinativkompositums"43. "Die lexematischen Bestandteile des Kompositums sind beide Träger wichtiger lexikalischer Information und stehen in der Weise miteinander in Beziehung, daß die Bedeutung der Grundform im Kompositum durch die Bedeutung der Bestimmungsform eingegrenzt und präzisiert wird"44. Der sozialistische Staat der DDR plante und leitete die Volkswirtschaft sowie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche und hatte daher eine offizielle Sprache nötig, die durch Eindeutigkeit und Durchsichtigkeit gekennzeichnet sein sollte. Die offizielle Sprache der SED, das 'Bürokratendeutsch', drang auch über den Verwaltungsbereich hinaus in andere Sphären des alltäglichen Lebens ein. "Bürokratie und die geforderte 'Reinheit der Lehre' sind durchaus der Grund für mehrgliedrige Komposita, da das jeweilige Grundwort exakt bestimmt werden muß. Die DDR war beispielsweise nicht einfach ein Staat, sondern ein Arbeiter - und Bauern - Staat"45.

 

Arbeitsproduktivität:

"Auch die außersprachlichen Referenzbezüge eines Wortes tragsn dazu bei, dem allgemeinen Formativ eine DDR-typische Bedeutung zu geben. Das Denotat eines sprachlichen Zeichens verweist auf die politischen Verhältnisse in der SBZ/DDR,..."46 Das Lexem Arbeitsproduktivität wird durch die Tatsache DDR-typisch, daß es eine grundlegende Kategorie der sozialistischen Ökonomie und Wirtschaftspropaganda darstellt47.

 

Betriebsparteiorganisation (BPO)

Die Mehrgliedrigkeit der Lexeme ist kein Hindernis für das Verständnis, wenn auch der gesellschaftliche Hintergrund bekannt ist. "Die Komplexität und der Umfang eines Kompositums sind im Prinzip nur durch die Grenzen des Kontextgedächtnisses begrenzt;...48.

BPO gehört dem Kommunikationsbereich der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion an.

 

Bodenreform:

Das Lexem Bodenreform gewinnt sein DDR-typisches Semem durch außersprachlichen Referenzbezug49.

Schroeter reiht es unter die DDR-typischen Paläologismen ein. "Es handelt sich dabei sowohl um Lexeme, die nach 1945 in der SBZ/DDR neu gebildet wurden..., als auch um Lexeme, die zum traditionellen Wortschatz der Deutschen gehören, aber in einem neuen Kontext verwendet wurden, z.B. Bodenreform"50. Es ist eines der Wörter und Wortverbindungen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Gebrauch waren und nach der Staatsgründung der DDR langsam vom Wortschatz der sozialistischen Gesellschaftsordnung abgelöst wurden.

 

Brause:

DDR-typischer Wortschatz ist auch in der Alltagskommunikation aufzufinden. Brause wird bei Schroeter als veraltet bezeichnet, hat sich aber offensichtlich auch über die Wende hinaus noch erhalten, bzw. Christa Wolf hat es bei der Überarbeitung und Veröffentlichung ihrer Erzählung "Was bleibt" nicht als veraltet empfunden und daher nicht ersetzt.

 

Brigade:

Das Lexem Brigade ist auch in Westdeutschland vorhanden, es erscheint aber hier nur im militärischen Bereich oder bei gewerkschaftlichen Gruppierungen. Es ist für die DDR auch als reihenbildendes Substantiv belegt und erscheint sowohl als erste als auch als zweite unmittelbare Konstituente. Brigade bezeichnet eine für das sozialistische Gesellschaftssystem der DDR grundlegende Arbeits- und auch Lebensform und gehört damit auch in den Bereich der Alltagsprache und zu den Wörtern, von denen Schroeter annimmt, daß sie sogar gesamtdeutsch werden könnten51. Brigade gehört zudem zu jenen Wörtern, die im Deutschen schon vorhanden waren und ihre neue Bedeutung aus dem Russischen entlehnten, also geläufige Wörter wurden mit einem neuen begrifflichen Inhalt erfüllt, der ihre traditionelle Bedeutung änderte. Durch diese "Bedeutungsentlehnungen bzw. - übertragungen" wurden meist "Einrichtungen und Sachverhalte" bezeichnet, "die auf ein sozialistisches Wirtschafts - und Gesellschaftssystem verweisen"52.

 

Datsche:

Datsche gehört zu jenen DDR-typischen Lexemen, die auch im alltäglichen Sprachgebrauch, in der Umgangssprache vorhanden waren. Es handelt sich um ein aus dem Russischen gebildetes Lehnwort (russ. daca), das möglicherweise in den gesamtdeutschen Sprachgebrauch eingehen könnte.

 

Dederon:

Dederon ist ein Kunstwort gebildet aus "DDR + -on" 53 und zählt zu den umgangssprachlichen Wörtern und wird von Schroeter unter die DDR-typischen Paläologismen eingereiht.

 

FDJ:

FDJ ist die Kurzform für Freie deutsche Jugend und fällt in den Bereich der Kurzwörter, die ihrerseits Bestandteil von Reihenwörtern sein können. Kurzwörter entstehen aus dem Bedürfnis nach einem ökonomischeren Ausdruck, nach einer rationelleren Form der Kommunikation. "Kurzwörter sind verkürzte Formen von Wortbildungskonstruktionen und Syntagmen"54.

 

HO:

HO ist das Kurzwort für Handelsorganisation und es gilt dafür das sofort oben Gesagte.

 

imperialistisch:

Zur Benennung des in jeder Gesellschaft zu findenden Feindbildes verwendet der Sozialismus eine für ihn typische Semantik. Vom ideologischen Standpunkt des Marxismus- Leninismus ausgehend werden 'feindliche' Denk- und Verhaltensweisen als Gegner eingestuft und folglich sprachlich negativ benannt. Imperialistisch ist ein Adjektivattribut, das der zusätzlichen Abwertung dient, z. B. imperialistischer Spion (Loest, Der Zorn des Schafes, S.40)

 

Kader:

Das Lexem Kader gehört zu den Substantiven, mit denen auch Komposita gebildet wurden. Es kann daher sowohl allein, als auch als erste oder zweite Konstituente in Komposita auftreten, wobei in Wortverbindungen mit Kader als erste Konstituente Arbeitskräfte gemeint sind und als zweite Konstituente besonders zuverlässige Führungskräfte der Partei. Bei Kader handelt es sich außerdem um ein Lehnwort, bzw. eine Bedeutungsentlehnung aus dem Russischen (russ. kadry). Wie schon oben erwähnt, wurden die meisten Lehnwörter aus dem Russischen entlehnt, weil damit Denotate bezeichnet wurden, die die DDR von der Sowjetunion übernahm; in diesem Fall handelt es sich um ein Lexem, das Schroeter als "sozialistische(n) Internationalismus"55 klassifiziert. Unter "Internationalismen" versteht man Lexeme, die in mehreren Sprachen in mehr oder weniger abgewandelter Form zu finden sind; sogenannte "sozialistische Internationalismen" "waren in allen sozialistischen Ländern in Gebrauch"56. Kader war schon im Deutschen vorhanden und erhielt eine zusätzliche Neubedeutung über den militärischen Bereich hinaus, die zur vorherrschenden Bedeutung in der DDR wurde57.

 

Kaufhalle:

Kaufhalle ist die in der DDR gebräuchliche Bezeichnung für Kaufhaus.

 

Kollektiv:

Kollektiv gehört dem Alltagswortschatz der DDR an, von dem Schroeter annimmt, daß er erhalten bleiben und in den gesamtdeutschen Wortschatz eingehen könnte58. Es wird von ihr außerdem unter die 'sozialistischen Internationalismen' eingereiht und zu den Lexemen gezählt, die durch Bedeutungsübertragung aus dem Russischen eine neue Bedeutung bzw. Bedeutungsspezialisierung erhielten. "Ein Vergleich des sozialistischen Kollektivs mit kollektiven Arbeitsformen in westlichen Ländern (Team) wird aufgrund der differierenden gesellschaftlichen Verhältnisse für unzulässig gehalten"59. "Der Begriff ist ideologisch befrachtet, weil das sozialistische Kollektiv als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft die 'Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten maßgeblich beeinflussen' soll"60.

 

Kombinat:

Das Lexem Kombinat gehört zu den Neuprägungen nach russischem Vorbild und wird bei Schroeter als 'sozialistischer Internationalismus' klassifiziert. Es bezeichnet einen "Großbetrieb der sozialistischen Industrie oder Landwirtschaft"61 und wird auf alle Produktionszweige angewandt.

 

Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG):

wird vor allem als Kurzwort (LPG) verwendet, wobei die Kurzwörter ihrerseits wieder ein Bestandteil von Zusammensetzungen sein können.

 

Losung:

Losung ist sowohl im Deutschen als auch im Russischen (lozung) vorhanden und wird daher von Schroeter zu den 'sozialistischen Internationalismen' gezählt. "Losung ist ein Beispiel für die engen Beziehungen sowjetischer und deutscher Kommunisten schon vor 194562. Im Russischen ist lozung ein Lehnwort aus dem Deutschen, wo es ursprünglich die Bedeutung 'Kennwort, Spruch' hatte. Die auf die politisch-ökonomischen Verhältnisse im Sozialismus gerichtete Bedeutung 'kurz und einprägsam formulierter mobilisierender (politischer) Leitsatz' (Handwörterbuch) bzw. 'Kampfspruch' erhielt das Wort dann über das Russische, wobei aber nicht klar zu unterscheiden ist, 'wer von wem was gelernt hatte'"63.

 

Parteischule:

Partei- ist ein äußerst häufig vorkommendes reihenbildendes Substantiv und tritt als erste unmittelbare Konstituente auf. Parteischule ist nur eines von den zahlreichen Komposita, die ein Zeugnis ablegen von der die gesamte Gesellschaftsstruktur der DDR vereinahmenden Stellung der SED.

 

Plast/Plaste:

Bei Plaste handelt es sich um ein Lexem aus dem DDR-typischen Alltagswortschatz, das aber nicht auf das politische Gesellschaftssystem verweist. Laut Schroeter liegt der Grund dafür, daß man in Westdeutschland denselben Kunststoff Plastik nennt, "in der Entlehnung aus verschiedenen Sprachen"64. Während die westdeutsche Plastik aus dem Englischen (plastics) komme, stamme die ostdeutsche Plaste/Plast vom Russischen ab (plast massy).

 

sozialistisch:

"propagandistisch beliebtes Adjektiv, das weniger geeignet ist, seine Beziehungswörter genau zu bestimmen, als vielmehr dazu, sie im Sinne des Neuen, Höheren, Fortschrittlichen, Zukunftsweisenden des Sozialismus aufzuwerten"65. Im Sinne einer "Ideologisierung eines zentralen Teils der offiziellen Sprache in der DDR mit deutlichen Folgen für die öffentliche und wahrscheinlich auch für die nicht öffentliche Kommunikation"66 wurden viele zentrale Begriffe des politischen und wirtschaftlichen Gesellschaftsystems der DDR mit dem "ganz offensichtlich 'unabdingbaren' Attribut sozialistisch verknüpft"67.

 

Staatssicherheit (Stasi):

ist besonders in der Kurzform in die Alltagssprache eingegangen und wird oft in Zusammensetzungen verwendet (z.B. bei Erich Loest: Stasi-Akte, Stasischnüffler, Stasileute u.a.)

 

Volksbildung:

Das Lexem Volk wird im Wörterbuch der Gegenwartssprache definiert als "Gesamtheit der den werktätigen Teil der Gesellschaft umfassenden Klassen und sozialen Schichten"68 und bei Ahrends heißt es: "Im offiziellen Sprachgebrauch wird der Singular im Sinne von 'Volksmassen', eines Begriffes des historischen Materialismus, gebraucht und meint die arbeitenden Klassen und Schichten sowie alle fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft. Der Plural hingegen meint den auch in der Umgangssprache gebräuchlichen Begriff der Gesamtbevölkerung eines Landes" (S.190). Es gibt zahlreiche Zusammensetzungen mit Volk-, die bezugnehmend auf den historischen Materialismus auf dem Verständnis von Volk als arbeitende Klassen beruhen. In diesem Sinne gehört Volksbildung in den Kommunikationsbereich von Bildung, Erziehung und Kultur und wird als ein "Teilbereich des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems"69 aufgefaßt.

 

Volkseigener Betrieb (VEB):

Die Attribuierung von Betrieb durch volkseigen deutet auf sozialistische Produktions-und Eigentumsverhältnisse hin. Ahrends definiert volkseigen folgendermaßen: "in den meisten Verbindungen Synonym für 'staatlich', da die DDR im offiziellen Selbstverständnis ein Staat des Volkes ist..."70 "Volkseigentum war Arbeitereigentum " heißt es bei Stefan Heym71.

Die Kurzform VEB dient der rationelleren Kommunikation und ist als solche auch in die Umgangssprache eingegangen.

 

Zusammenfassend ist festzustellen, daß auch im Bereich der Literatur DDR-Typika auszumachen sind. Die hier untersuchten Texte von Autoren aus der ehemaligen DDR legen Zeugnis ab, von der Entfremdung zwischen den beiden voneinander getrennt gewesenen Teilen Deutschlands, eine Trennung, die zu Beziehungsstörungen in allen Bereichen geführt hat. Schlosser stellt 1993 fest: "Beziehungsstörungen haben sich zwischen Ost und West aber auch innersprachlich aufgebaut. Das heißt: die Beziehung (linguistisch Referenz) zwischen Wörtern und Sachen hat sich in Ost und West nach 1945 nicht selten unüberhörbar verschieden entwickelt. Auch hier trifft man - äußerlich besehen - auf sprachliche Mittel, die beiden Seiten gemeinsam waren und sind; aber mit identischen Wörtern sind oft gänzlich verschiedene Vorstellungswelten verbunden72.

Diese Behauptung Schlossers hat vor allem Geltung für den alltäglichen Sprachgebrauch, seine Feststellung der noch fehlenden "inneren" Einheit trifft für die Sprache der Literatur in geringerem Ausmaß zu73, ist aber auch in der Literatur nachweisbar, wie aus der vorliegenden Untersuchung hervorgeht74. Wie aus dem beiliegenden Wortverzeichnis und den dort angeführten Wörterbüchern ersichtlich ist, sind einige der aufgelisteten Lexeme z.B. in der Ausgabe des Duden von 1993 nicht mehr vorhanden oder mit der Bezeichnung veraltend versehen, während sie noch in den literarischen Texten aufzufinden sind; oder sie werden auch nur in ihrer mit der westlichen "Vorstellungswelt" verbundenen Bedeutung verzeichnet. Allerdings ist dies einer noch eingehenderen Analyse zu unterziehen, da die hier vorgebrachten Belege nur eine kleine Auswahl darstellen und als Beispiele dienen sollen und daher nicht ausreichen, um eine gültige Schlußfolgerung zuzulassen.


WORTVERZEICHNIS

 

 

Zur Erstellung des Wortverzeichnisses wurden folgende Wörterbücher herangezogen und mit ihren Abkürzungen angegeben:

 

WDG: Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, hrsg. v. Ruth Klappenbach u. Wolfgang Steinitz, Akademie-Verlag, 7.Aufl., Berlin 1974 (=DDR).

HWG: Handwörterbuch der deutschen Gegenwartsspache, unter der Leitung v. Günther Kempcke, Akademie-Verlag, Berlin 1984 (=DDR).

DU: Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden, Dudenverlag, Mannheim u.a. 1993.

WA: Brockhaus Wahrig, Deutsches Wörterbuch, F.A. Brockhaus u. Dt. Verlagsanstalt, Wiesbaden Stuttgart 1984.

LANGENSCH.: Langenscheidts Großwörterbuch. Deutsch als Fremdsprache, Berlin München 1993.

KINNE: Michael Kinne, Birgit Strube-Edelmann, Kleines Wörterbuch des DDR - Wortschatzes, Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1980.

TRABBI: Martin Ahrends (Hg.), Trabbi, Telespargel und Tränenpavillon. Das Wörterbuch der DDR-Sprache, Willhelm Heyne Verlag, München 1986.

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