Paul Kroker

 
GALILEIBRECHT: VERKOMMENHEIT, VERRAT, VERBRECHEN?
 
 
 
 
 
Schon die mindestens 18jährige Bearbeitung des Galilei-Stoffes, die sich bekanntlich in den drei Versionen von 1938/39, 1944/47 und 1953/56 niederschlägt, verweist auf die Schlüsselstellung, die dieses Stück, des Dichters "Mittelpunktwerk"1, im dramatischen Schaffen Brechts einnimmt.
Die Berliner Endfassung, die 1953 auf seinen Auftrag an die Mitarbeiter des Berliner Ensembles hin entsteht, beruht natürlich auf ihrer dänischen sowie amerikanischen Vorgängerin und entwickelt diese weiter. Mehr aber noch als in den augenfälligen Evolutionen des Theatertextes selbst liegt ihre eigentliche Bedeutung in der Inszenierung seitens des Autors, der mit den Proben des 1955 in Ost und West gleichzeitig publizierten Dramas im Dezember desselben Jahres beginnt. Während der 59 Proben, an denen Brecht bis zum März des Folgejahres teilnimmt, als er von einer fatalen Virusgrippe zur Aufgabe gezwungen wird, insistiert er immer wieder auf der totalen Transformation des Galilei in einen negativen Helden. Schon im amerikanischen Exil 1944 bezeugte er Bedenken hinsichtlich der "moral..., die mich immer leise beunruhigt hat"2, nämlich daß Galileis Widerruf taktisch verstanden werden könnte, "um insgeheim seine arbeit fort(zu)setzen"3. Nein, der große Wissenschaftler sollte zur Inkarnation des "Standards des italienischen (ich möchte dies ersetzen durch: bürgerlichen, P.K.) Intellektuellen", der "Verkommenheit", des "sozialen Verräters" und sein Abschwören als "Verbrechen" erkannt werden4.
Nach der Auseinandersetzung Ernst Schumachers mit der Kontextualisierung des Galilei seitens Isaac Deutschers, der das Werk in einen unauflösbaren Zusammenhang mit den Moskauer Schauprozessen 1936-38 stellt, was Schumacher zugleich verneint und bejaht5, kann sich die Brecht-Forschung der zeitlichen, thematischen und sprachlichen Affinität zu diesen Ereignissen, besonders zur Konfession Bucharins, die gleichsam das Modell für Galileis Monolog in Szene 14 abgibt, nicht mehr entziehen. Eine Mitarbeiterin Brechts notierte dazu:
 
"Nach Brechts Ansicht ist mit der Darstellung des Galilei gelöst die Darstellung z.B. der großen Sowjet-Prozesse. Es ist technisch gelöst. Die Selbstanalyse Bucharins, wo er im Augenblick der Analyse so hoch über sich selbst steigt, wie sonst keiner im Gerichtssaal"6.
Auch wenn eine dermaßen augenscheinliche Analogie wohl nicht in Brechts Intentionen lag, kann man nicht umhin, nolens volens festzuhalten
 
"eine Ähnlichkeit des Gestus... der 'kalten' Analyse, des Vermögens, vom subjektiven Aspekt des "Falles" zur allgemeinen, historisch relevanten "Fälligkeit" überzugehen, sich selbst als Exempel zu statuieren... von der Selbstbeurteilung zur Selbstverurteilung fortzuschreiten"7.
 
Die Spaltung seiner selbst, seines Bewußtseins, die wir später auch bei Galilei antreffen, der sich ebenfalls mit dem "kalten Auge der Wissenschaft" betrachtet, führt Bucharin zu dem Bekenntnis:
 
"Manchmal riß es mich selbst mit, daß ich zum Ruhme des sozialistischen Aufbaus schreibe, obwohl ich morgen schon dies durch meine praktischen Taten verbrecherischen Charakters ableugne. Hier bildete sich das heraus, was in der Philosophie Hegels das unglückliche Bewußtsein genannt wird. Dieses unglückliche Bewußtsein unterschied sich von dem gewöhnlichen nur dadurch, daß es gleichzeitig ein verbrecherisches Bewußtsein war"8.
 
Die Schauprozesse, deren Protokolle Brecht bestens kannte, fanden in seine Prosa Eingang, sowohl in die belletristische wie in die essayistische, und wurden verteidigt wie in Me-ti und in dem Aufsatz Über die Moskauer Prozesse, wo als Aufgabe der KP-treuen Intellektuellen formuliert wird:
 
"Was wir zu tun haben, ist: sie (die Anklage, P.K.) begreiflich zu machen... Hinter den Taten der Angeklagten muß eine für sie denkbare politische Konzeption sichtbar gemacht werden... Ich bin überzeugt, daß dies die Wahrheit ist, und ich bin überzeugt, daß diese Wahrheit durchaus wahrscheinlich klingen muß..."9.
 
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß Erfahrungen, die solch peinliche Sprachlenkungsüberlegungen ermöglichten, in die Berliner - wie auch schon in die amerikanische - Version des Galilei eingegangen sind, besonders wenn man dies unter dem Aspekt der ersten Schauprozesse im preußischen Stalinismus der noch jungen DDR und der zahlreichen Selbstanklagen in den dortigen Presseorganen betrachtet.
Vor diesem Hintergrund läßt sich die allseits festgestellte Widersprüchlichkeit der Figur Galileis ohne große Schwierigkeiten auflösen, eine Widersprüchlichkeit, die auch ihrem Schöpfer eignet, wozu nicht nur Salvatore Veca treffend festgestellt hat: "Der Widerspruch des Galilei ist der Widerspruch Brechts"10.
Und das macht ja wohl auch die Größe und dramatische Dichte dieser Figur und dieses Stückes aus, dessen Interpretationen seit 40 Jahren wegen ihrer dialektischen Vielschichtigkeit nicht abreißen, wegen jener "Dramatik der Widersprüche"11, die in der Selbstverurteilung des Protagonisten gipfelt.
Stellen wir uns also aus gewachsener historischer Distanz nun doch noch einmal der vielleicht manchen schon ermüdenden Frage, warum denn eigentlich Galileis Abschwören einer volksfreundlichen Wissenschaftsethik im Angesicht der Inquisition trotz der folgenden selbstkritischen Revision dieses Schrittes zum untilgbaren sozialen Verbrechen werden muß. Dabei wollen wir uns nicht aufhalten bei den vielfach monierten Abweichungen des dramatischen vom historischen Galilei, die schließlich sowohl durch die Brechtsche Verfremdungsabsicht als auch generell durch die Literarizität des Textes abgedeckt sind.
Cesare Cases hielt, aber das war vor 26 Jahren, die Berliner Version und insbesonders den faszinierenden Monolog Galileischer Selbstanklage hinsichtlich der ersten Fassung für eine "eindeutige Verschlechterung", denn
 
"ein ästhetisch überzeugender Text wird im Namen einer aktuellen Lehre (womit sich Cases auf den Faktor Hiroshima als den "einzig plausiblen" bezieht, P.K.) zerstört." Doch: "Das Resultat ist widersprüchlich, wenngleich immer noch extrem vital. Brecht hat wieder einmal die Kunst der Wahrheit geopfert, zum Schaden der Kohärenz. Die aktuelle Lehre geht mit unwiderstehlicher Potenz aus der Selbstkritik Galileis hervor, die man nicht ohne Betroffenheit anhören kann, weshalb man die Kohärenz zum Teufel schicken kann und der ersten Fassung nicht nachweinen muß"12.
 
Sympathisch ist, wie hier der marxistische Ansatz den Logozentrismus "zum Teufel schickt" und sich mit einer letztendlichen Unerklärbarkeit verbündet. Denn unverständlich bleibt ja in der Tat das Urteil GalileiBrechts hinsichtlich des "Schädlings" und "Lumpen" und die Insistenz, "aus dem Helden den Verbrecher herauszuholen"13. Gehen wir also der Frage unter diesem Aspekt nach und überlegen wir, warum Brecht es seinem Protagonisten nicht gestattet, nicht gestatten kann, einen Fehler, ein Verbrechen gar (wenn wir dem Autor in seiner Bewertung folgen wollen), den Widerruf nämlich, zu korrigieren und die verbale Selbstkorrektur als Ent-schuldigung, als Entlastung von Schuld, zu akzeptieren. Gerade aber diese Rehabilitierung wird der Figur verweigert durch eine geradezu manische Stilisierung ihrer negativen Seiten:
 
"Das Verbrechen hat ihn (Galilei, P.K.) zum Verbrecher gemacht. Er gefällt sich in Gedanken an die Größe seines Verbrechens... Er haßte die Menschheit fanatisch"14.
 
Brechts Kommentare, die eine innere Affinität von Autor und Figur belegen und den Galilei in ein Rollenspiel verwandeln, verurteilen den sozialen Verrat so unnachgiebig und irrational wie es in der bolschewistischen Prozeßpraxis und grundsätzlich in den stalinistischen Disziplinierungskampagnen der Kritik und Selbstkritik gang und gäbe war. An dieser Stelle muß die Rede gehen vom Begriff des Klassenverrats, der den marxistischen Intellektuellen so teuer war und zugleich von ihnen gefürchtet wurde, ein Begriff, für den Marx und Engels die ideologische Grundlage geschaffen hatten:
 
"In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse... einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolutionären Klasse anschließt... Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und namentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben"15.
 
Diese These eröffnete der linken Intelligenz in den politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit eine gesellschaftliche Zukunft als Teil des Volkes an der Seite der Arbeiterklasse und ihrer selbsternannten KP-Avantgarde. War die Entscheidung aber einmal getroffen, dann mußte sie total und irreversibel sein: die eigene soziale Herkunft war auszulöschen, alle Brücken zur Vergangenheit waren abzubrechen, der bürgerliche Lebensstil aufzugeben und dem (vermeintlich) proletarischen anzupassen, alle Beziehungen zum ehemaligen Ambiente einzufrieren, private und kulturelle Eigenheiten abzulegen, sofern sie im Widerspruch zu den freiwillig akzeptierten neuen Normen der Partei standen. Auf der einen oder auf der anderen Seite der Barrikade - ein dritter Weg war nicht zugestanden, schon der Gedanke an ihn Verrat: Sozialismus oder Barbarei!
Da man sich einer Sache verschrieben hatte, die ja durchaus die eigene war und also die richtige, mystifiziert als die des Proletariats, bedurfte es immer wieder der Rechtfertigung und Bestätigung vor sich selbst. In Verjagt mit gutem Grund schreibt Brecht 1939:
 
"Ich bin aufgewachsen als Sohn/ Wohlhabender Leute. Meine Eltern haben mir/ Einen Kragen umgebunden und mich erzogen/ In den Gewohnheiten des Bedientwerdens/ Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens. Aber/ Als ich erwachsen war und um mich sah/ Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht/ Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden/ Und ich verließ meine Klasse und gesellte mich/ Zu den geringen Leuten.// So/ Haben sie einen Verräter aufgezogen, ihn unterrichtet/ In ihren Künsten, und er/ Verrät sie dem Feind.// Ja, ich plaudere ihre Geheimnisse aus. Unter dem Volk/ Stehe ich und erkläre/ Wie sie betrügen, und sage voraus, was kommen wird...// Wo ich hinkomme, bin ich so gebrandmarkt/ Vor allen Besitzenden, aber die Besitzlosen/ Lesen den Steckbrief und/ Gewähren mir Unterschlupf. Dich, höre ich da/ Haben sie verjagt mit/ Gutem Grund"16.
 
Hans Mayer hat mit Recht darauf hingewiesen, daß es eben Brechts eigener Klassenverrat war, der ihn zu einer geradezu obsessiven Beschäftigung mit diesem Thema anstachelte17, da auch er die Schizophrenie der Situation spürte, nicht mehr der einen Klasse angehören zu wollen/ zu dürfen und von der anderen nicht zur Gänze akzeptiert zu werden, von der, die ihm "Unterschlupf" konzediert, doch nicht mehr - aber auch das ist ja nur eine intellektuelle Mystifikation bzw. die Umsetzung der marxistisch-leninistischen Klassenanalyse der Intelligenz in Poesie. Mayer schreibt:
 
"Was den Sozialforscher Brecht nachdenklich und den Stückeschreiber Brecht lüstern machte, war das soziologische Thema: Renegatentum verstanden als Klassenverrat... Es kommt im Denken von Brecht zu einer Gleichsetzung von Tuiexistenz und Verrat"18.
 
Dieses unglückliche Bewußtsein der Gespaltenheit - das Brecht ja offen Walter Benjamin gegenüber eingestand, nämlich daß es ihm nicht "ganz ernst" sei, da er "zu viel an Artistisches"19 denke - wird den, der diesen Schritt gemacht hat, nicht mehr verlassen und als soziale Schuld interiorisiert. Von hieraus versteht sich die dringende Notwendigkeit, den dramatischen Galilei als Projektionsfigur aufzuladen, womit er vollständig aus der Historie heraustritt und die via crucis "zwischen Melancholie und Utopie"20 des modernen Linksintellektuellen einschlägt.
In diesen ideologischen Kontext gehört ebenfalls der aufklärerische Glaube an "die sanfte Gewalt der Vernunft", ein Glaube, den Galilei nicht zuletzt im Gespräch mit seinem Freund Sagredo formuliert und der - von heute aus - entwaffnend naiv erscheint, aber alles andere als das ist, denn er widersteht noch mit Leichtigkeit dem Skeptizismus Sagredos, für den es schlicht "Verblendung" ist, wenn auf "die Vernunft des Menschengeschlechts" gepocht wird. Darüber setzt sich das Rationalitätsprinzip GalileiBrechts sowie seiner Interpreten jahrzehntelang spielend hinweg21 und enthüllt dabei seinen terroristischen Kern: die Rigorosität der Vernunft steigert sich zur - wenn auch nur "sanften" - Gewalt ihres Ausschließlichkeitsanspruchs. Die Dialektik der Aufklärung, die Brecht in dem Gedicht 700 Intellektuelle beten einen Öltank an 22 und den Gedanken zur Atombombe sowie zum Einsatz der modernen Wissenschaft tendenziell zu erkennen scheint, bleibt ihm in Wirklichkeit versagt und wird ausschließlich als Instrument sozialer Veränderung im Sinne der proletarischen Revolution verstanden. Galilei, der "Bibelzertrümmerer", wird so - trotz aller Bekundungen hinsichtlich der Notwendigkeit des Zweifels, der jedoch nie das deifizierte Vernunftprinzip bezweifelt - zum Repräsentanten revolutionärer gesellschaftlicher Veränderungen, deren Ziel allerdings nur die Substituierung der einen Kirche durch eine andere ist.
Daß im Galilei die Begriffe der Wahrheit, Vernunft und der Wissenschaft (von der Natur) in ihrer marxistisch-leninistischen Auslegung als der einzig richtigen Wissenschaft von der Gesellschaft bzw. als verinnerlichtes revolutionäres, proletarisches Bewußtsein zu verstehen sind, ist eine notwendige Prämisse zu einer kohärenten Analyse des Monologs der 14. Szene. Daß es sich dabei nicht um eine abwegige Annahme, sondern eher um ein vielleicht sogar bewußtes Spiel mit der ideologischen Polysemie handelt, läßt schon der linientreue Sprachgebrauch des Wortes wissenschaftlich erahnen, über den der Klassiker-Leser Brecht natürlich verfügte. Demzufolge war wissenschaftlich nur die eigene Weltanschauung, folgerichtig wissenschaftlicher Sozialismus genannt, dessen Faszinationskraft für Intellektuelle gerade in der ihm eigenen sonderbaren Mischung aus Wissenschaft und Theologie besteht.
Galilei beginnt seinen Monolog, "einen der Drehpunkte des Stückes"23 sehr professoral, "akademisch, die Hände über dem Bauch gefaltet", dabei eine "Demonstration eines blendenden Gehirns und, eben durch die exakte Analyse, (ein) zynisches Eingeständnis eines sozialen Verbrechens"24 ablegend:
 
"In meinen freien Stunden, deren ich viele habe, bin ich meinen Fall durchgegangen und habe darüber nachgedacht, wie die Welt der Wissenschaft, zu der ich mich selber nicht mehr zähle, ihn zu beurteilen haben wird";
 
und weil er die Regeln dieser höheren Welt bestens kennt, kann er sich auch gleich selbst verurteilen und von dieser Welt ausschließen. Da er nicht den Mut aufbrachte, der Inquisition und möglichen (im Drama allerdings auszuschließenden) Torturen zu widerstehen, kann das Verdikt nur lauten:
 
"Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der Wissenschaft nicht geduldet werden",
 
oder eben in den Reihen der Arbeiterklasse und ihrer Partei. Das unglückliche Bewußtsein muß angesichts des Verrats, des Verrats des Verrats, der Negation der Negation kapitulieren, sich selbst als verbrecherisch bloßlegen und der Negation des Klassenverrats bezichtigen, die als unaufhebbare Schmach auf dem liegt, der die neue überlegene Weltanschauung und ihren höchsten organisatorischen Ausdruck, die Partei, für einen Augenblick in Frage stellt, eben dem berühmten Zweifel aussetzt. Dem bleibt nur noch - denken wir an Das Badener Lehrstück, Der Jasager und Die Maßnahme - die Auslöschung25. Für Galilei gibt es keine Rettung: Weder eine - zwar nicht ganz makellose - Vergangenheit reicher wissenschaftlicher Errungenschaften noch die selbstkritische Bestätigung der ideologischen Grundlagen, der beruflichen Ethik haben da irgendwelche Bedeutung, auch wenn er beteuert:
 
"Ich halte dafür, daß das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern", da sonst "euer Fortschritt... doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein" wird.
 
Es ist die Umsetzung dieser humanistischen Ethik in eine Praxis im Dienste des Volkes - wie es in dem dazu passenden Jargon heißt - die Galilei "nicht geschafft hat"26. Hierin ist - allerdings zu einem geringen Teil nur - der Vorwurf der Asozialität begründet. Aber auch eine solche Konfiguration des Theorie-Praxis-Verhältnisses, die sich terminologisch in dem Slogan revolutionär in Worten, revisionistisch in Taten niederschlägt, verweist eher auf eine typisch marxistisch-leninistische Auslegung denn auf realen Revisionismus27: Schließlich hat Galilei - und sei es nur, wie er selbst bekennt, aus "Eitelkeit" - unter kirchlicher Observation seine Discorsi fort- und zu Ende geschrieben, was ja wohl als die eigentliche Praxis eines Intellektuellen zu fassen ist. Und der junge Andrea Sarti, der den Meister wegen seines Widerrufs verurteilt und verlassen hatte, ist ja auch deswegen bereit, den Verrat in List umzubiegen:
 
Andrea: Und wir dachten, Sie wären übergelaufen! Meine Stimme war die lauteste gegen Sie!
Galilei: Das gehörte sich. Ich lehrte dich Wissenschaft, und ich verneinte die Wahrheit.
Andrea: Dies ändert alles. Alles.
Galilei: Ja?
Andrea: Sie versteckten die Wahrheit. Vor dem Feind. Auch auf dem Felde der Ethik waren Sie uns um Jahrhunderte voraus.
Galilei: Erläutere das, Andrea.
Andrea: Mit dem Mann auf der Straße sagten wir: Er wird sterben, aber er wird nie widerrufen. - Sie kamen zurück: Ich habe widerrufen, aber ich werde leben. Ihre Hände sind befleckt, sagten wir. - Sie sagten: Besser befleckt als leer.
Galilei: Besser befleckt als leer. Klingt realistisch. Klingt nach mir. Neue Wissenschaft, neue Ethik".
 
Einen Augenblick scheint es, als wolle der Alte das Angebot Andreas annehmen und seine ethische Position der Realpolitik des Schülers anpassen, einer ja auch leninistischen Haltung in der Bestimmung von Mittel und Zweck, genau jener Position, die in Die Maßnahme offenkundig positiv gewertet wird, wenn der Kontrollchor befindet: "Umarme den Schlächter, aber/ Ändere die Welt: sie braucht es!"28.
Doch die ideologische Differenz zwischen den beiden bleibt. GalileiBrecht kann und darf die ursprüngliche Auffassung, Grundlage seines Klassenverrats, nicht opfern, derzufolge die neue Wissenschaft an die soziale Praxis im Dienste des Volkes gebunden sein muß. Er bekundet seine Treue, aber auch das bleibt letztendlich ein nur verbales Bekenntnis, eine negative Bestätigung des Theorie-Praxis-Diskurses, denn es ist ja schließlich Andrea, der die Discorsi über die Grenze schafft. Es ist aber nicht das - im Übrigen durch die Umstände verständliche - Fehlen revolutionären Handelns, das sich Galilei weiterhin ankreidet, sondern der Verrat im Angesicht der Inquisition, aus Angst vor dem "körperlichen Schmerz", woraufhin Andrea flugs reagiert:
 
"Todesfurcht ist menschlich! Menschliche Schwächen gehen die Wissenschaft nichts an." Denn: "Die Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen Beitrag".
 
Wird aber menschlich durch kleinbürgerlich und Wissenschaft durch Sache ersetzt, entpuppt sich die Sprache Andreas als die stalinistische Variante des zweckorientierten Techno-Jargons, der auch in Die Maßnahme anklingt, nur daß er hier zur moralischen Rettung und nicht zur Auslöschung des Individuums eingesetzt wird. Eine zweideutige Sprache also, mit der man im konkreten Zusammenhang durchaus einverstanden sein kann, die man aber grundsätzlich zurückweisen muß. Eine Ambiguität, zu der Brecht meinte:
 
"Hier wird eine große Frage aufgeworfen. Die muß jeder im Publikum beantworten... Von hundert Intellektuellen werden hundert, sagen wir neunundneunzig, übertragen von Wissenschaft auf Politik fünfundneunzig, zustimmen: menschliche Schwächen gehen die Wissenschaft (Politik) nichts an"29.
 
Überflüssig zu fragen, an welche Intellektuellen er wohl dachte, äußerte sich Brecht hier doch auf den Proben des Berliner Ensembles. Und auch die westliche Kritik zu den beiden Aufführungen 1955 in Köln und 1957 in Ost-Berlin stellte, wie es zum Stil des Kalten Krieges gehörte, immer wieder einen, meist aber nur behaupteten Zusammenhang mit dem Ambiente der DDR her.
Wenngleich man wohl nicht davon ausgehen darf, daß der Autor hier offen und öffentlich einen konfliktreichen Stoff aus der Welt des Sozialismus ausbreiten wollte, wie er es in durchaus verdienstvoller Weise mit Die Maßnahme tat, wobei sich allerdings der Text wieder einmal klüger als der Autor erweist - und auch wenn man die Einschätzung Heiner Müllers teilt, nach der Brecht aufgrund seiner "klassisch marxistischen Kategorien" nicht in der Lage war, ein Stück über den realen Sozialismus der DDR zu schreiben30 - so kann doch nicht in Abrede gestellt werden, daß in den Text - bei aller Brechtschen Vorsicht - vergangene und aktuelle Erfahrungen mit politischen Auseinandersetzungen im und mit dem Kommunismus eingegangen sind.
Nicht nur in der UdSSR der zwanziger und dreißiger, sondern auch in der jungen DDR der frühen fünfziger Jahre fanden innerhalb der kommunistischen Partei Linienkämpfe und Säuberungen statt, über die Brecht natürlich auf dem Laufenden war. Er wußte Bescheid über das Schicksal hoher Parteifunktionäre der SED, die in der Stalinisierungsphase wegen ihrer Abweichungen aus der Partei ausgeschlossen, von ihren Funktionen entbunden und sogar verurteilt und eingekerkert worden waren, wie Paul Merker, Rudolf Herrnstadt und Franz Dahlem.
So kann das Gespräch zwischen Galilei und Andrea in der vorletzten Szene durchaus eine Analogie folgender Art insinuieren: Ein ehemaliger Führungskader des stalinistischen Apparates hat seinen nicht-orthodoxen Thesen abgeschworen, vielleicht um mit dem Leben davonzukommen. Dennoch kann er nicht umhin, auch weiterhin über Bedingungen gesellschaftlicher Veränderungen im sozialistischen System nachzudenken, ohne daß er allerdings - wie die 56er Opposition oder Rudolf Bahro - seine Denkergebnisse zirkulieren ließe. Doch eines Tages besucht ihn ein junger Genosse derselben Abweichler-Fraktion von einst... - Diese Lesart ist nicht nur möglich, sondern gibt dem Werk eine Polyvalenz zurück, die der Autor vielleicht gar nicht intendiert hatte.
Die realpolitische Logik des jungen Andrea erscheint auf jeden Fall in einem weniger sympathischen Licht als die Position des alten unbeirrten Verräters, der immer auf den - und nicht nur und vielleicht gar nicht mal ideologischen - Applaus des Publikums rechnen kann, das sich wohl kaum Rechenschaft darüber ablegt, daß "die Standhaftigkeit", von der Galilei spricht, auch meint
 
"den Märtyrertod des Individuums für die gute Sache der Gattung, Aufopferung der leibhaften Präsenz für eine bessere Zukunft... Daß jeder Einzelne die Freiheit hat, sich einem abstrakten Ganzen aufzuopfern, wird... nicht in Frage gestellt. Daraus jedoch eine allgemeinverbindliche Ethik zu machen, ist ein Kennzeichen doktrinärer Ideologien"31.
 
Eine Ethik im übrigen, die Galilei gleich nach seinem Widerruf ablehnt, wenn er der Enttäuschung Andreas mit dem Wortspiel vom unglücklichen Land, "das Helden nötig hat" begegnet; eine Position, die in der 14. Szene auch noch unterstützt wird durch das die Brechtsche Arbeitsweise widerspiegelnde "es gibt kein wissenschaftliches Werk, das nur ein Mann schreiben kann". Aber lassen wir uns nicht täuschen: Der ganze Monolog ist in die Aura des Protagonimus' gehüllt, des Personenkults, denn Galilei spricht ja nicht von der Standhaftigkeit irgendeines Mannes, sondern von der "eines Mannes" (Hv., P.K.), natürlich seiner eigenen, und verkündet in naiver Megalomanie: "Einige Jahre war ich ebenso stark wie die Obrigkeit".
Diese idealistische Sicht des Verhältnisses von Individuum und Geschichte liegt auf der Linie des Selbstverständnisses der linken Intelligenz, wie es Brecht in seinen Thesen Wozu braucht das Proletariat die Intellektuellen? gefaßt hat:
 
"1. Um die bürgerliche Ideologie zu durchlöchern. (...) 2. Zum Studium der Kräfte, die "die Welt bewegen". Hauptsächlich in nichtrevolutionären Situationen kann eine revolutionäre Intelligenz die Revolution in Permanenz halten. 3. Um die reine Theorie weiterzuentwickeln "32.
 
Es ist solch falsches Bewußtsein, das engagierte Intellektuelle und Künstler in diesem Jahrhundert umtrieb und umtreibt: die klassenverräterische Intelligenz als Vestalin der Utopie von der "Großen Ordnung" des Sozialismus, als avantgardistische Stellvertreterin, besser: Möchtegern-Stellvertreterin - denn da ist ja so oft die Partei vor, und manchmal auch die Wirklichkeit - der im übrigen mißtrauisch beäugten "nichtrevolutionären" Massen33, die - theoretisch zwar zur Triebkraft der Geschichte deklariert - realiter aber nicht mehr denn als ideologischer Triebwagen benutzt werden, oder wie es Amadeo Bordiga formuliert hat: "Il proletariato è il taxi della storia"34.
Im Zusammenhang seiner umfassenden Studie über die Kollaboration von Schriftstellern und Künstlern mit dem Ministerium für Staatssicherheit35 der untergegangenen DDR verweist Joachim Walther unter den verschiedenen Gründen für diese Praxis besonders auf die "Utopiegläubigkeit" und "ideologische Selbstverzauberung"36 der intellektuellen Weggenossen, deren heilsgeschichtliche Erwartungen nicht nur zur schizophrenen Aufspaltung von Utopie und Wirklichkeit sondern auch zur Aufgabe sittlicher Grundanforderungen im Namen von Klassenmoral und Klassenkampf führte. Daß der Diskurs GalileiBrechts auch in diese Dimension einzuordnen ist, sollte nicht vergessen werden. Denn es gab ihn, den "ideologischen Schießbefehl"37.