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Paul
Kroker
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- GALILEIBRECHT:
VERKOMMENHEIT, VERRAT, VERBRECHEN?
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- Schon die mindestens 18jährige
Bearbeitung des Galilei-Stoffes, die sich bekanntlich in
den drei Versionen von 1938/39, 1944/47 und 1953/56
niederschlägt, verweist auf die Schlüsselstellung, die
dieses Stück, des Dichters "Mittelpunktwerk"1, im
dramatischen Schaffen Brechts einnimmt.
- Die Berliner Endfassung, die 1953 auf
seinen Auftrag an die Mitarbeiter des Berliner Ensembles hin
entsteht, beruht natürlich auf ihrer dänischen sowie
amerikanischen Vorgängerin und entwickelt diese weiter. Mehr
aber noch als in den augenfälligen Evolutionen des
Theatertextes selbst liegt ihre eigentliche Bedeutung in der
Inszenierung seitens des Autors, der mit den Proben des 1955 in
Ost und West gleichzeitig publizierten Dramas im Dezember
desselben Jahres beginnt. Während der 59 Proben, an denen
Brecht bis zum März des Folgejahres teilnimmt, als er von
einer fatalen Virusgrippe zur Aufgabe gezwungen wird, insistiert
er immer wieder auf der totalen Transformation des Galilei in
einen negativen Helden. Schon im amerikanischen Exil 1944 bezeugte
er Bedenken hinsichtlich der "moral..., die mich immer leise
beunruhigt hat"2, nämlich daß Galileis
Widerruf taktisch verstanden werden könnte, "um insgeheim
seine arbeit fort(zu)setzen"3. Nein, der große
Wissenschaftler sollte zur Inkarnation des "Standards des
italienischen (ich möchte dies ersetzen durch:
bürgerlichen, P.K.) Intellektuellen", der "Verkommenheit",
des "sozialen Verräters" und sein Abschwören als
"Verbrechen" erkannt werden4.
- Nach der Auseinandersetzung Ernst
Schumachers mit der Kontextualisierung des Galilei seitens Isaac
Deutschers, der das Werk in einen unauflösbaren Zusammenhang
mit den Moskauer Schauprozessen 1936-38 stellt, was Schumacher
zugleich verneint und bejaht5, kann sich die Brecht-Forschung der
zeitlichen, thematischen und sprachlichen Affinität zu diesen
Ereignissen, besonders zur Konfession Bucharins, die gleichsam das
Modell für Galileis Monolog in Szene 14 abgibt, nicht mehr
entziehen. Eine Mitarbeiterin Brechts notierte
dazu:
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- "Nach Brechts Ansicht ist mit der
Darstellung des Galilei gelöst die Darstellung z.B.
der großen Sowjet-Prozesse. Es ist technisch gelöst.
Die Selbstanalyse Bucharins, wo er im Augenblick der Analyse so
hoch über sich selbst steigt, wie sonst keiner im
Gerichtssaal"6.
- Auch wenn eine dermaßen
augenscheinliche Analogie wohl nicht in Brechts Intentionen lag,
kann man nicht umhin, nolens volens
festzuhalten
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- "eine Ähnlichkeit des Gestus... der
'kalten' Analyse, des Vermögens, vom subjektiven Aspekt des
"Falles" zur allgemeinen, historisch relevanten "Fälligkeit"
überzugehen, sich selbst als Exempel zu statuieren... von der
Selbstbeurteilung zur Selbstverurteilung
fortzuschreiten"7.
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- Die Spaltung seiner selbst, seines
Bewußtseins, die wir später auch bei Galilei antreffen,
der sich ebenfalls mit dem "kalten Auge der Wissenschaft"
betrachtet, führt Bucharin zu dem Bekenntnis:
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- "Manchmal riß es mich selbst mit,
daß ich zum Ruhme des sozialistischen Aufbaus schreibe,
obwohl ich morgen schon dies durch meine praktischen Taten
verbrecherischen Charakters ableugne. Hier bildete sich das
heraus, was in der Philosophie Hegels das unglückliche
Bewußtsein genannt wird. Dieses unglückliche
Bewußtsein unterschied sich von dem gewöhnlichen nur
dadurch, daß es gleichzeitig ein verbrecherisches
Bewußtsein war"8.
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- Die Schauprozesse, deren Protokolle
Brecht bestens kannte, fanden in seine Prosa Eingang, sowohl in
die belletristische wie in die essayistische, und wurden
verteidigt wie in Me-ti und in dem Aufsatz Über die
Moskauer Prozesse, wo als Aufgabe der KP-treuen
Intellektuellen formuliert wird:
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- "Was wir zu tun haben, ist: sie (die
Anklage, P.K.) begreiflich zu machen... Hinter den Taten der
Angeklagten muß eine für sie denkbare politische
Konzeption sichtbar gemacht werden... Ich bin überzeugt,
daß dies die Wahrheit ist, und ich bin überzeugt,
daß diese Wahrheit durchaus wahrscheinlich klingen
muß..."9.
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- Es ist mehr als wahrscheinlich,
daß Erfahrungen, die solch peinliche
Sprachlenkungsüberlegungen ermöglichten, in die Berliner
- wie auch schon in die amerikanische - Version des Galilei
eingegangen sind, besonders wenn man dies unter dem Aspekt der
ersten Schauprozesse im preußischen Stalinismus der noch
jungen DDR und der zahlreichen Selbstanklagen in den dortigen
Presseorganen betrachtet.
- Vor diesem Hintergrund läßt
sich die allseits festgestellte Widersprüchlichkeit der Figur
Galileis ohne große Schwierigkeiten auflösen, eine
Widersprüchlichkeit, die auch ihrem Schöpfer eignet,
wozu nicht nur Salvatore Veca treffend festgestellt hat: "Der
Widerspruch des Galilei ist der Widerspruch
Brechts"10.
- Und das macht ja wohl auch die
Größe und dramatische Dichte dieser Figur und dieses
Stückes aus, dessen Interpretationen seit 40 Jahren wegen
ihrer dialektischen Vielschichtigkeit nicht abreißen, wegen
jener "Dramatik der Widersprüche"11, die in der
Selbstverurteilung des Protagonisten gipfelt.
- Stellen wir uns also aus gewachsener
historischer Distanz nun doch noch einmal der vielleicht manchen
schon ermüdenden Frage, warum denn eigentlich Galileis
Abschwören einer volksfreundlichen Wissenschaftsethik im
Angesicht der Inquisition trotz der folgenden selbstkritischen
Revision dieses Schrittes zum untilgbaren sozialen Verbrechen
werden muß. Dabei wollen wir uns nicht aufhalten bei den
vielfach monierten Abweichungen des dramatischen vom historischen
Galilei, die schließlich sowohl durch die Brechtsche
Verfremdungsabsicht als auch generell durch die Literarizität
des Textes abgedeckt sind.
- Cesare Cases hielt, aber das war vor 26
Jahren, die Berliner Version und insbesonders den faszinierenden
Monolog Galileischer Selbstanklage hinsichtlich der ersten Fassung
für eine "eindeutige Verschlechterung", denn
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- "ein ästhetisch überzeugender
Text wird im Namen einer aktuellen Lehre (womit sich Cases auf den
Faktor Hiroshima als den "einzig plausiblen" bezieht, P.K.)
zerstört." Doch: "Das Resultat ist widersprüchlich,
wenngleich immer noch extrem vital. Brecht hat wieder einmal die
Kunst der Wahrheit geopfert, zum Schaden der Kohärenz. Die
aktuelle Lehre geht mit unwiderstehlicher Potenz aus der
Selbstkritik Galileis hervor, die man nicht ohne Betroffenheit
anhören kann, weshalb man die Kohärenz zum Teufel
schicken kann und der ersten Fassung nicht nachweinen
muß"12.
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- Sympathisch ist, wie hier der
marxistische Ansatz den Logozentrismus "zum Teufel schickt" und
sich mit einer letztendlichen Unerklärbarkeit verbündet.
Denn unverständlich bleibt ja in der Tat das Urteil
GalileiBrechts hinsichtlich des "Schädlings" und "Lumpen" und
die Insistenz, "aus dem Helden den Verbrecher
herauszuholen"13. Gehen wir also der Frage unter diesem
Aspekt nach und überlegen wir, warum Brecht es seinem
Protagonisten nicht gestattet, nicht gestatten kann, einen Fehler,
ein Verbrechen gar (wenn wir dem Autor in seiner Bewertung
folgen wollen), den Widerruf nämlich, zu korrigieren und die
verbale Selbstkorrektur als Ent-schuldigung, als Entlastung von
Schuld, zu akzeptieren. Gerade aber diese Rehabilitierung wird der
Figur verweigert durch eine geradezu manische Stilisierung ihrer
negativen Seiten:
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- "Das Verbrechen hat ihn (Galilei, P.K.)
zum Verbrecher gemacht. Er gefällt sich in Gedanken an die
Größe seines Verbrechens... Er haßte die
Menschheit fanatisch"14.
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- Brechts Kommentare, die eine innere
Affinität von Autor und Figur belegen und den Galilei
in ein Rollenspiel verwandeln, verurteilen den sozialen Verrat so
unnachgiebig und irrational wie es in der bolschewistischen
Prozeßpraxis und grundsätzlich in den stalinistischen
Disziplinierungskampagnen der Kritik und Selbstkritik gang
und gäbe war. An dieser Stelle muß die Rede gehen vom
Begriff des Klassenverrats, der den marxistischen
Intellektuellen so teuer war und zugleich von ihnen
gefürchtet wurde, ein Begriff, für den Marx und Engels
die ideologische Grundlage geschaffen hatten:
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- "In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf
sich der Entscheidung nähert, nimmt der
Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse...
einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner
Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der
revolutionären Klasse anschließt... Wie daher
früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so
geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und
namentlich ein Teil der Bourgeoisideologen, welche zum
theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung
sich hinaufgearbeitet haben"15.
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- Diese These eröffnete der linken
Intelligenz in den politischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit
eine gesellschaftliche Zukunft als Teil des Volkes an der Seite
der Arbeiterklasse und ihrer selbsternannten KP-Avantgarde. War
die Entscheidung aber einmal getroffen, dann mußte sie total
und irreversibel sein: die eigene soziale Herkunft war
auszulöschen, alle Brücken zur Vergangenheit waren
abzubrechen, der bürgerliche Lebensstil aufzugeben und dem
(vermeintlich) proletarischen anzupassen, alle Beziehungen zum
ehemaligen Ambiente einzufrieren, private und kulturelle
Eigenheiten abzulegen, sofern sie im Widerspruch zu den freiwillig
akzeptierten neuen Normen der Partei standen. Auf der einen oder
auf der anderen Seite der Barrikade - ein dritter Weg war nicht
zugestanden, schon der Gedanke an ihn Verrat: Sozialismus oder
Barbarei!
- Da man sich einer Sache verschrieben
hatte, die ja durchaus die eigene war und also die richtige,
mystifiziert als die des Proletariats, bedurfte es immer wieder
der Rechtfertigung und Bestätigung vor sich selbst. In
Verjagt mit gutem Grund schreibt Brecht
1939:
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- "Ich bin aufgewachsen als Sohn/
Wohlhabender Leute. Meine Eltern haben mir/ Einen Kragen
umgebunden und mich erzogen/ In den Gewohnheiten des
Bedientwerdens/ Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens. Aber/
Als ich erwachsen war und um mich sah/ Gefielen mir die Leute
meiner Klasse nicht/ Nicht das Befehlen und nicht das
Bedientwerden/ Und ich verließ meine Klasse und gesellte
mich/ Zu den geringen Leuten.// So/ Haben sie einen Verräter
aufgezogen, ihn unterrichtet/ In ihren Künsten, und er/
Verrät sie dem Feind.// Ja, ich plaudere ihre Geheimnisse
aus. Unter dem Volk/ Stehe ich und erkläre/ Wie sie
betrügen, und sage voraus, was kommen wird...// Wo ich
hinkomme, bin ich so gebrandmarkt/ Vor allen Besitzenden, aber die
Besitzlosen/ Lesen den Steckbrief und/ Gewähren mir
Unterschlupf. Dich, höre ich da/ Haben sie verjagt mit/ Gutem
Grund"16.
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- Hans Mayer hat mit Recht darauf
hingewiesen, daß es eben Brechts eigener Klassenverrat war,
der ihn zu einer geradezu obsessiven Beschäftigung mit diesem
Thema anstachelte17, da auch er die Schizophrenie der Situation
spürte, nicht mehr der einen Klasse angehören zu wollen/
zu dürfen und von der anderen nicht zur Gänze akzeptiert
zu werden, von der, die ihm "Unterschlupf" konzediert, doch nicht
mehr - aber auch das ist ja nur eine intellektuelle Mystifikation
bzw. die Umsetzung der marxistisch-leninistischen Klassenanalyse
der Intelligenz in Poesie. Mayer schreibt:
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- "Was den Sozialforscher Brecht
nachdenklich und den Stückeschreiber Brecht lüstern
machte, war das soziologische Thema: Renegatentum verstanden als
Klassenverrat... Es kommt im Denken von Brecht zu einer
Gleichsetzung von Tuiexistenz und
Verrat"18.
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- Dieses unglückliche
Bewußtsein der Gespaltenheit - das Brecht ja offen
Walter Benjamin gegenüber eingestand, nämlich daß
es ihm nicht "ganz ernst" sei, da er "zu viel an
Artistisches"19 denke - wird den, der diesen Schritt
gemacht hat, nicht mehr verlassen und als soziale Schuld
interiorisiert. Von hieraus versteht sich die dringende
Notwendigkeit, den dramatischen Galilei als Projektionsfigur
aufzuladen, womit er vollständig aus der Historie heraustritt
und die via crucis "zwischen Melancholie und
Utopie"20 des modernen Linksintellektuellen
einschlägt.
- In diesen ideologischen Kontext
gehört ebenfalls der aufklärerische Glaube an "die
sanfte Gewalt der Vernunft", ein Glaube, den Galilei nicht zuletzt
im Gespräch mit seinem Freund Sagredo formuliert und der -
von heute aus - entwaffnend naiv erscheint, aber alles andere als
das ist, denn er widersteht noch mit Leichtigkeit dem Skeptizismus
Sagredos, für den es schlicht "Verblendung" ist, wenn auf
"die Vernunft des Menschengeschlechts" gepocht wird. Darüber
setzt sich das Rationalitätsprinzip GalileiBrechts sowie
seiner Interpreten jahrzehntelang spielend hinweg21 und
enthüllt dabei seinen terroristischen Kern: die
Rigorosität der Vernunft steigert sich zur - wenn auch nur
"sanften" - Gewalt ihres Ausschließlichkeitsanspruchs. Die
Dialektik der Aufklärung, die Brecht in dem Gedicht 700
Intellektuelle beten einen Öltank an 22
und den Gedanken zur Atombombe sowie zum Einsatz der modernen
Wissenschaft tendenziell zu erkennen scheint, bleibt ihm in
Wirklichkeit versagt und wird ausschließlich als Instrument
sozialer Veränderung im Sinne der proletarischen Revolution
verstanden. Galilei, der "Bibelzertrümmerer", wird so - trotz
aller Bekundungen hinsichtlich der Notwendigkeit des Zweifels, der
jedoch nie das deifizierte Vernunftprinzip bezweifelt - zum
Repräsentanten revolutionärer gesellschaftlicher
Veränderungen, deren Ziel allerdings nur die Substituierung
der einen Kirche durch eine andere ist.
- Daß im Galilei die Begriffe
der Wahrheit, Vernunft und der Wissenschaft (von der Natur) in
ihrer marxistisch-leninistischen Auslegung als der einzig
richtigen Wissenschaft von der Gesellschaft bzw. als
verinnerlichtes revolutionäres, proletarisches
Bewußtsein zu verstehen sind, ist eine notwendige
Prämisse zu einer kohärenten Analyse des Monologs der
14. Szene. Daß es sich dabei nicht um eine abwegige Annahme,
sondern eher um ein vielleicht sogar bewußtes Spiel mit der
ideologischen Polysemie handelt, läßt schon der
linientreue Sprachgebrauch des Wortes wissenschaftlich
erahnen, über den der Klassiker-Leser Brecht natürlich
verfügte. Demzufolge war wissenschaftlich nur die eigene
Weltanschauung, folgerichtig wissenschaftlicher Sozialismus
genannt, dessen Faszinationskraft für Intellektuelle gerade
in der ihm eigenen sonderbaren Mischung aus Wissenschaft und
Theologie besteht.
- Galilei beginnt seinen Monolog, "einen
der Drehpunkte des Stückes"23 sehr professoral,
"akademisch, die Hände über dem Bauch gefaltet", dabei
eine "Demonstration eines blendenden Gehirns und, eben durch die
exakte Analyse, (ein) zynisches Eingeständnis eines sozialen
Verbrechens"24 ablegend:
-
- "In meinen freien Stunden, deren ich
viele habe, bin ich meinen Fall durchgegangen und habe
darüber nachgedacht, wie die Welt der Wissenschaft, zu der
ich mich selber nicht mehr zähle, ihn zu beurteilen haben
wird";
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- und weil er die Regeln dieser
höheren Welt bestens kennt, kann er sich auch gleich selbst
verurteilen und von dieser Welt ausschließen. Da er nicht
den Mut aufbrachte, der Inquisition und möglichen (im Drama
allerdings auszuschließenden) Torturen zu widerstehen, kann
das Verdikt nur lauten:
-
- "Ich habe meinen Beruf verraten. Ein
Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der
Wissenschaft nicht geduldet werden",
-
- oder eben in den Reihen der
Arbeiterklasse und ihrer Partei. Das unglückliche
Bewußtsein muß angesichts des Verrats, des Verrats
des Verrats, der Negation der Negation kapitulieren, sich selbst
als verbrecherisch bloßlegen und der Negation des
Klassenverrats bezichtigen, die als unaufhebbare Schmach auf dem
liegt, der die neue überlegene Weltanschauung und ihren
höchsten organisatorischen Ausdruck, die Partei, für
einen Augenblick in Frage stellt, eben dem berühmten Zweifel
aussetzt. Dem bleibt nur noch - denken wir an Das Badener
Lehrstück, Der Jasager und Die
Maßnahme - die Auslöschung25. Für
Galilei gibt es keine Rettung: Weder eine - zwar nicht ganz
makellose - Vergangenheit reicher wissenschaftlicher
Errungenschaften noch die selbstkritische Bestätigung der
ideologischen Grundlagen, der beruflichen Ethik haben da
irgendwelche Bedeutung, auch wenn er beteuert:
-
- "Ich halte dafür, daß das
einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit
der menschlichen Existenz zu erleichtern", da sonst "euer
Fortschritt... doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg
sein" wird.
-
- Es ist die Umsetzung dieser
humanistischen Ethik in eine Praxis im Dienste des
Volkes - wie es in dem dazu passenden Jargon heißt - die
Galilei "nicht geschafft hat"26. Hierin ist -
allerdings zu einem geringen Teil nur - der Vorwurf der
Asozialität begründet. Aber auch eine solche
Konfiguration des Theorie-Praxis-Verhältnisses, die sich
terminologisch in dem Slogan revolutionär in Worten,
revisionistisch in Taten niederschlägt, verweist eher auf
eine typisch marxistisch-leninistische Auslegung denn auf realen
Revisionismus27: Schließlich hat Galilei - und
sei es nur, wie er selbst bekennt, aus "Eitelkeit" - unter
kirchlicher Observation seine Discorsi fort- und zu Ende
geschrieben, was ja wohl als die eigentliche Praxis eines
Intellektuellen zu fassen ist. Und der junge Andrea Sarti, der den
Meister wegen seines Widerrufs verurteilt und verlassen hatte, ist
ja auch deswegen bereit, den Verrat in List
umzubiegen:
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- Andrea: Und wir dachten, Sie wären
übergelaufen! Meine Stimme war die lauteste gegen
Sie!
- Galilei: Das gehörte sich. Ich
lehrte dich Wissenschaft, und ich verneinte die
Wahrheit.
- Andrea: Dies ändert alles.
Alles.
- Galilei: Ja?
- Andrea: Sie versteckten die Wahrheit.
Vor dem Feind. Auch auf dem Felde der Ethik waren Sie uns um
Jahrhunderte voraus.
- Galilei: Erläutere das,
Andrea.
- Andrea: Mit dem Mann auf der
Straße sagten wir: Er wird sterben, aber er wird nie
widerrufen. - Sie kamen zurück: Ich habe widerrufen, aber ich
werde leben. Ihre Hände sind befleckt, sagten wir. - Sie
sagten: Besser befleckt als leer.
- Galilei: Besser befleckt als leer.
Klingt realistisch. Klingt nach mir. Neue Wissenschaft, neue
Ethik".
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- Einen Augenblick scheint es, als wolle
der Alte das Angebot Andreas annehmen und seine ethische Position
der Realpolitik des Schülers anpassen, einer ja auch
leninistischen Haltung in der Bestimmung von Mittel und Zweck,
genau jener Position, die in Die Maßnahme offenkundig
positiv gewertet wird, wenn der Kontrollchor befindet: "Umarme den
Schlächter, aber/ Ändere die Welt: sie braucht
es!"28.
- Doch die ideologische Differenz zwischen
den beiden bleibt. GalileiBrecht kann und darf die
ursprüngliche Auffassung, Grundlage seines Klassenverrats,
nicht opfern, derzufolge die neue Wissenschaft an die soziale
Praxis im Dienste des Volkes gebunden sein muß. Er bekundet
seine Treue, aber auch das bleibt letztendlich ein nur verbales
Bekenntnis, eine negative Bestätigung des
Theorie-Praxis-Diskurses, denn es ist ja schließlich Andrea,
der die Discorsi über die Grenze schafft. Es ist aber
nicht das - im Übrigen durch die Umstände
verständliche - Fehlen revolutionären Handelns, das sich
Galilei weiterhin ankreidet, sondern der Verrat im Angesicht der
Inquisition, aus Angst vor dem "körperlichen Schmerz",
woraufhin Andrea flugs reagiert:
-
- "Todesfurcht ist menschlich! Menschliche
Schwächen gehen die Wissenschaft nichts an." Denn: "Die
Wissenschaft kennt nur ein Gebot: den wissenschaftlichen
Beitrag".
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- Wird aber menschlich durch
kleinbürgerlich und Wissenschaft durch Sache
ersetzt, entpuppt sich die Sprache Andreas als die stalinistische
Variante des zweckorientierten Techno-Jargons, der auch in Die
Maßnahme anklingt, nur daß er hier zur moralischen
Rettung und nicht zur Auslöschung des Individuums eingesetzt
wird. Eine zweideutige Sprache also, mit der man im konkreten
Zusammenhang durchaus einverstanden sein kann, die man aber
grundsätzlich zurückweisen muß. Eine
Ambiguität, zu der Brecht meinte:
-
- "Hier wird eine große Frage
aufgeworfen. Die muß jeder im Publikum beantworten... Von
hundert Intellektuellen werden hundert, sagen wir
neunundneunzig, übertragen von Wissenschaft auf Politik
fünfundneunzig, zustimmen: menschliche Schwächen
gehen die Wissenschaft (Politik) nichts
an"29.
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- Überflüssig zu fragen, an
welche Intellektuellen er wohl dachte, äußerte sich
Brecht hier doch auf den Proben des Berliner Ensembles. Und auch
die westliche Kritik zu den beiden Aufführungen 1955 in
Köln und 1957 in Ost-Berlin stellte, wie es zum Stil des
Kalten Krieges gehörte, immer wieder einen, meist aber nur
behaupteten Zusammenhang mit dem Ambiente der DDR
her.
- Wenngleich man wohl nicht davon ausgehen
darf, daß der Autor hier offen und öffentlich einen
konfliktreichen Stoff aus der Welt des Sozialismus ausbreiten
wollte, wie er es in durchaus verdienstvoller Weise mit Die
Maßnahme tat, wobei sich allerdings der Text wieder
einmal klüger als der Autor erweist - und auch wenn man die
Einschätzung Heiner Müllers teilt, nach der Brecht
aufgrund seiner "klassisch marxistischen Kategorien" nicht in der
Lage war, ein Stück über den realen Sozialismus
der DDR zu schreiben30 - so kann doch nicht in Abrede
gestellt werden, daß in den Text - bei aller Brechtschen
Vorsicht - vergangene und aktuelle Erfahrungen mit politischen
Auseinandersetzungen im und mit dem Kommunismus eingegangen
sind.
- Nicht nur in der UdSSR der zwanziger und
dreißiger, sondern auch in der jungen DDR der frühen
fünfziger Jahre fanden innerhalb der kommunistischen Partei
Linienkämpfe und Säuberungen statt, über die Brecht
natürlich auf dem Laufenden war. Er wußte Bescheid
über das Schicksal hoher Parteifunktionäre der SED, die
in der Stalinisierungsphase wegen ihrer Abweichungen aus der
Partei ausgeschlossen, von ihren Funktionen entbunden und sogar
verurteilt und eingekerkert worden waren, wie Paul Merker, Rudolf
Herrnstadt und Franz Dahlem.
- So kann das Gespräch zwischen
Galilei und Andrea in der vorletzten Szene durchaus eine Analogie
folgender Art insinuieren: Ein ehemaliger Führungskader des
stalinistischen Apparates hat seinen nicht-orthodoxen Thesen
abgeschworen, vielleicht um mit dem Leben davonzukommen. Dennoch
kann er nicht umhin, auch weiterhin über Bedingungen
gesellschaftlicher Veränderungen im sozialistischen System
nachzudenken, ohne daß er allerdings - wie die 56er
Opposition oder Rudolf Bahro - seine Denkergebnisse zirkulieren
ließe. Doch eines Tages besucht ihn ein junger Genosse
derselben Abweichler-Fraktion von einst... - Diese Lesart ist
nicht nur möglich, sondern gibt dem Werk eine Polyvalenz
zurück, die der Autor vielleicht gar nicht intendiert
hatte.
- Die realpolitische Logik des jungen
Andrea erscheint auf jeden Fall in einem weniger sympathischen
Licht als die Position des alten unbeirrten Verräters, der
immer auf den - und nicht nur und vielleicht gar nicht mal
ideologischen - Applaus des Publikums rechnen kann, das sich wohl
kaum Rechenschaft darüber ablegt, daß "die
Standhaftigkeit", von der Galilei spricht, auch
meint
-
- "den Märtyrertod des Individuums
für die gute Sache der Gattung, Aufopferung der leibhaften
Präsenz für eine bessere Zukunft... Daß jeder
Einzelne die Freiheit hat, sich einem abstrakten Ganzen
aufzuopfern, wird... nicht in Frage gestellt. Daraus jedoch
eine allgemeinverbindliche Ethik zu machen, ist ein Kennzeichen
doktrinärer Ideologien"31.
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- Eine Ethik im übrigen, die Galilei
gleich nach seinem Widerruf ablehnt, wenn er der Enttäuschung
Andreas mit dem Wortspiel vom unglücklichen Land, "das Helden
nötig hat" begegnet; eine Position, die in der 14. Szene auch
noch unterstützt wird durch das die Brechtsche Arbeitsweise
widerspiegelnde "es gibt kein wissenschaftliches Werk, das nur ein
Mann schreiben kann". Aber lassen wir uns nicht täuschen: Der
ganze Monolog ist in die Aura des Protagonimus' gehüllt, des
Personenkults, denn Galilei spricht ja nicht von der
Standhaftigkeit irgendeines Mannes, sondern von der "eines
Mannes" (Hv., P.K.), natürlich seiner eigenen, und
verkündet in naiver Megalomanie: "Einige Jahre war ich ebenso
stark wie die Obrigkeit".
- Diese idealistische Sicht des
Verhältnisses von Individuum und Geschichte liegt auf der
Linie des Selbstverständnisses der linken Intelligenz, wie es
Brecht in seinen Thesen Wozu braucht das Proletariat die
Intellektuellen? gefaßt hat:
-
- "1. Um die bürgerliche Ideologie
zu durchlöchern. (...) 2. Zum Studium der Kräfte, die
"die Welt bewegen". Hauptsächlich in
nichtrevolutionären Situationen kann eine
revolutionäre Intelligenz die Revolution in Permanenz
halten. 3. Um die reine Theorie weiterzuentwickeln
"32.
-
- Es ist solch falsches
Bewußtsein, das engagierte Intellektuelle und
Künstler in diesem Jahrhundert umtrieb und umtreibt: die
klassenverräterische Intelligenz als Vestalin der Utopie von
der "Großen Ordnung" des Sozialismus, als avantgardistische
Stellvertreterin, besser: Möchtegern-Stellvertreterin - denn
da ist ja so oft die Partei vor, und manchmal auch die
Wirklichkeit - der im übrigen mißtrauisch beäugten
"nichtrevolutionären" Massen33, die - theoretisch
zwar zur Triebkraft der Geschichte deklariert - realiter
aber nicht mehr denn als ideologischer Triebwagen benutzt werden,
oder wie es Amadeo Bordiga formuliert hat: "Il proletariato
è il taxi della storia"34.
- Im Zusammenhang seiner umfassenden
Studie über die Kollaboration von Schriftstellern und
Künstlern mit dem Ministerium für
Staatssicherheit35 der untergegangenen DDR verweist
Joachim Walther unter den verschiedenen Gründen für
diese Praxis besonders auf die "Utopiegläubigkeit" und
"ideologische Selbstverzauberung"36 der intellektuellen
Weggenossen, deren heilsgeschichtliche Erwartungen nicht nur zur
schizophrenen Aufspaltung von Utopie und Wirklichkeit sondern auch
zur Aufgabe sittlicher Grundanforderungen im Namen von
Klassenmoral und Klassenkampf führte. Daß der
Diskurs GalileiBrechts auch in diese Dimension einzuordnen ist,
sollte nicht vergessen werden. Denn es gab ihn, den "ideologischen
Schießbefehl"37.